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Presseschau II: Zwischen Optimismus und Herausforderungen - Zur ökonomischen Bilanz der Zuwanderung

  • 22. Juli 2025
  • 14 Min. Lesezeit

Zur Kontroverse um die ökonomische Bilanz der Zuwanderung. Eine Presseschau von Carlos, Daniel, Niels, Janik und Dominik aus dem Seminarfach "Kritisch denken, journalistisch schreiben".


1. Einleitung


„Wer gut integriert ist, bleibt willkommen“[1]. So äußerte sich Bundeskanzler Olaf Scholz nach dem Sturz des Assad-Regimes über in Deutschland lebende syrische Flüchtlinge.


In der politischen und gesellschaftlichen Diskussion wird seit langem lebhaft über die wirtschaftlichen Folgen der Migration in Deutschland debattiert. Befürworter sehen Migration als eine Chance für die demografische Entwicklung[2] und oft als eine Bereicherung für die Wirtschaft[3], während Kritiker argumentieren, dass die Kosten für Sozialsystem[4] und Integrationsmaßnahmen die wirtschaftlichen Vorteile übersteigen könnten[5]. Diese Debatte spiegelt sich auch in den Medienberichten wider, wobei die politische Ausrichtung und die Zielgruppen der Medien einen Einfluss haben.


In dieser Analyse betrachten wir verschiedene in Deutschland bzw. dem deutschsprachigen Raum ansässige Medien und analysieren ihre Berichterstattung zur Migration.

Es werden vier bekannte Medien betrachtet - die Zeitung Die Zeit sowie die Süddeutsche Zeitung (SZ), die Welt und die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Durch diese Auswahl versuchen wir, einen möglichst breiten Teil des politischen Spektrums abzudecken, ohne speziell auf extremistische Berichterstattung einzugehen.


Die zentrale Frage ist: Wie werden die wirtschaftlichen Auswirkungen der Migration im deutschsprachigen Raum von verschiedenen Medien dargestellt und welche Unterschiede in ihrer Berichterstattung sind erkennbar.


Dazu analysieren wir Argumentationsweisen und verwendete Quellen. Unser Ziel ist dabei aufzuzeigen, wie über die ökonomische Bilanz der Migration berichtet wird und dabei die blinden Flecken der einzelnen Medienhäuser offenzulegen.

 

2. Einstellung der Welt

Die Welt (auch „WELT“) ist eine Zeitung, die am mittleren rechten Teil des politischen Spektrums zu verorten ist. Sie „vertritt in ihrer Grundhaltung eine bürgerlich-konservative Linie“ und „ist […] deutlich markliberal eingestellt“.[6] Damit ist zu erwarten, dass sie der Zuwanderung kritisch gegenübersteht und ökonomische Interessen stark gewichtet.


In aktuellem Bezug auf Flüchtlinge aus Syrien offenbart sich die Grundeinstellung der Welt deutlich. So kritisiert der Wirtschaftsredakteur Jan Klauth, dass keine ausreichend hohen Beschäftigungsquoten erreicht würden.



Es beziehe „knapp die Hälfte der rund eine Millionen Syrer in Deutschland“ Bürgergeld. Die Beschäftigungsquote abzüglich geringfügiger Beschäftigung („Minijob“) liege bei niedrigen 34,4%. Der Autor zieht das Fazit, dass die Integration in den Arbeitsmarkt große Mängel aufweist. Weiterhin sei die Gefahr eines „Zusammenbruch[s] des deutschen Arbeitsmarktes“ nach einer vermehrten Rückkehr von Flüchtlingen „maßlos übertrieben“. Das ermögliche also Rückführungen.[7]


Fachkräfte wie z.B. syrische Ärzte werden positiver bewertet als andere Flüchtlingsgruppen. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft betont im Interview mit Autorin Uma Sostmann die Wichtigkeit syrischer Ärzte für „Regionen, in denen der Ärztemangel […] stärker spürbar ist“. Besonders kleine Kliniken in ländlichen Regionen seien betroffen. Solche Fachkräfte werden im Gegensatz zu vom Sozialstaat abhängigen Flüchtlingen als essenziell angesehen.[8]


Unabhängig vom Syrien-Bezug sieht die Zeitung vor allem ungeregelte Zuwanderung als wirtschaftliche Gefahr. Chefökonomin Dorothea Siems führt an, dass „aus ökonomischer Sicht nichts für eine ungeregelte Zuwanderung“ spreche. Die Integration in den Arbeitsmarkt dauere zu lange und dauerhafte Beziehung von Sozialleistungen sei häufiger als gewünscht. Der „massenweis[e] Missbrauch“ des Asylsystems müsse verhindert werden, um eine Überforderung von Infrastruktur, sowie Bildungs- und Rechtssystem zu verhindern. Ansonsten würde das öffentliche Finanzsystem auf Dauer „nicht entlastet, sondern […] belastet“ werden.


Aus dem Artikel geht die zentrale Forderung hervor, bei der Migration qualifizierte Arbeitskräfte zu bevorzugen. Diese Ansicht teilt auch Meinungsautor Thomas Mayer. Die Anzahl der Zuwanderer mit (hohem) Bildungsabschluss sei im Vergleich zu anderen Ländern wie Kanada zu niedrig. Dies lasse sich an der Herkunft der Zuwanderer aus „Osteuropa und dem Nahen Osten“ erklären. Daraus folgt die zentrale Forderung, „Wanderungsströme drastisch [umzulenken]“ und qualifizierte Einwanderung aus Asien zu fördern.[9]


Der Fokus auf qualifizierte Einwanderung wird auch in einer Analyse des Migrations-hintergrunds von Bürgergeld-Beziehern deutlich. So zeigt Politikredakteur Marcel Leubecher auf, dass 63,5% der auf Bürgergeld angewiesenen Menschen einen Migrationshintergrund haben. Die „stärkere irreguläre Zuwanderung“ habe diese Belastung der Sozialsysteme ausgelöst.[10] Die Statistik wird nicht direkt bewertet, deutet im Hinblick auf andere Artikel allerdings auf eine kritische Haltung gegenüber den wirtschaftlichen Auswirkungen der Migration hin.


Insgesamt betrachtet die Welt Migration gleichzeitig als Chance und als Risiko, steht ihr jedoch eher kritisch gegenüber. So ist vor allem die Kritik an einer Einwanderung in die Sozialsysteme zentral und es wird vor der wirtschaftlichen Belastung durch Bürgergeldzahlungen gewarnt. Auch geringe Beschäftigungsquoten und mangelnde Integration von Migranten sieht die Zeitung als Problem an. Trotzdem werden ökonomische Chancen durch qualifizierte Zuwanderung betont.


Obwohl die Position der Welt auf den ersten Blick differenziert und abgewogen erscheint, liegen hier blinde Flecken vor. Abgetan wird beispielsweise, dass laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bereits 61% der syrischen Geflüchteten zwischen 18 und 64 Jahren beschäftigt sind.[11] Diese Zahl wird aufgrund der Methodik (Stichprobenbefragung) als nicht aussagekräftig erklärt.[12] Im Vergleich mit der Erwerbstätigenquote in der Gesamtbevölkerung (77%) erscheint die Lücke allerdings kleiner als durch die Welt gezeigt. Es kann auch kritisiert werden, dass die Zeitung der Analyse der Bundesagentur für Arbeit eher vertraut. Laut IAB biete diese „nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Beurteilung […] da sie keine Informationen zur Aufenthaltsdauer berücksichtigt und sich nur auf abhängige Beschäftigung bezieht“.[13] Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Welt in ihrer Auswahl von Statistiken einseitig vorgeht, diese allerdings in der Folge korrekt auswertet.


3. Einstellung der NZZ (Niels)

Die ökonomische Bilanz von Flüchtlingen in Deutschland ist ein kontroverses Thema, das in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vor allem aus einer konservativen Perspektive beleuchtet wird. Eine Analyse anhand von vier beispielhaften Artikeln zeigt, dass die NZZ wirtschaftliche Risiken stark betont und langfristige Chancen weitgehend ausblendet. Dabei lassen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in der Argumentation erkennen, die auf spezifische Schwerpunkte und ideologische Ausrichtungen hindeuten.


Ein zentraler Aspekt, der sich durch alle Artikel zieht, ist die Darstellung von Flüchtlingen als kurzfristige wirtschaftliche Belastung. So schreiben die NZZ-Autoren René Höltschi und Michael Rasch[14] sowie Leopold Stefan[15], dass Geflüchtete in erster Linie Sozialleistungen beziehen und die Kosten für ihre Integration hoch seien. Beide Artikel argumentieren, dass diese Belastung nur durch eine gezielte Steuerung der Migration gemindert werden könne. Eric Gujer[16] erweitert diese Perspektive, indem er die politischen Entscheidungen hinter der Flüchtlingsaufnahme kritisiert und die sozialen Spannungen betont, die mit den finanziellen Herausforderungen einhergehen würden. Die wirtschaftlichen Risiken werden dabei stark in den Vordergrund gerückt, was auf einen gemeinsamen konservativen Konsens der Autoren hinweist.


Im Gegensatz dazu zeigt Christian Eisenring[17], dass Migration auch Chancen bieten kann. In dem von ihm durchgeführten Interview argumentiert der US-amerikanische Ökonom Caplan, dass offene Grenzen das globale Wirtschaftswachstum fördern würden und moralisch unabdingbar seien. Diese Perspektive steht im direkten Kontrast zu den anderen Artikeln, wird von dem Journalisten jedoch eher distanziert dargestellt. Während dieser Artikel als Abweichung vom typischen Bias der NZZ betrachtet werden könnte, zeigt eine äußerst oberflächliche Auseinandersetzung mit Caplans Argumenten, dass die Zeitung seine Position nicht ernsthaft in ihre Argumentation integriert. Auffällig ist zudem die selektive Darstellung von Daten und Fakten. So fehlen in zwei der vier Artikeln beispielsweise konkrete Beispiele erfolgreicher Integration, die das Potential von Migration illustrieren könnten.


Bei Gujer[18] wird diese Lücke besonders deutlich, da er explizit auf die Kosten der Integrationsmaßnahmen eingeht, jedoch mögliche langfristige Vorteile wie die Verjüngung der Bevölkerung oder den Beitrag zur Rentensicherung unerwähnt lässt. Diese Perspektive deutet auf blinde Flecken in der Berichterstattung hin, die den Bias der NZZ verdeutlichen. Auch das Interview des Ökonomen[19] ignoriert trotz seines gegensätzlichen inhaltlichen Schwerpunktes die spezifischen Herausforderungen Deutschlands wie Überalterung und Fachkräftemangel und bleibt somit oberflächlich.


Die lediglich eingeschränkte Darstellung der argumentativen Gegenseite ist auffällig. Sowohl Gujer als auch Stefan prüfen die gegenteilige Meinung, dass Flüchtlinge langfristig wirtschaftliche Vorteile bringen könnten, nicht ernsthaft.[20][21] Eisenring hingegen bricht mit dieser Linie, indem Caplan als Befürworter von Migration prominent zitiert wird. Allerdings wird seine Position eher als außergewöhnlich dargestellt, statt sie als gleichberechtigten Diskussionsbeitrag zu betrachten. So wird Caplan der Leserschaft unter dem Artikel als „streitbarer Libertärer“ vorgestellt.


Das Interview des migrationsoffenen Ökonomen durch Eisenring zeigt, dass die Zeitung zumindest in begrenztem Umfang bereit ist, abweichende Meinungen abzudrucken, jedoch werden diese daraufhin nicht tiefgreifend analysiert.


Insgesamt wird die Flüchtlingspolitik in den untersuchten Artikeln der NZZ überwiegend als wirtschaftliche Belastung dargestellt. Die gemeinsamen Argumentationsmuster der Artikel zeigen eine konservative Grundhaltung der Zeitung, die die Risiken betont und langfristige Chancen vernachlässigt. Gleichzeitig gibt es einen Ansatz, der die ideologische Geschlossenheit der NZZ zumindest punktuell aufbricht. Dennoch bleibt die Frage offen, wie Migration langfristig zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stabilität beitragen könnte.


4. Einstellung der Zeit (Dominik)

Die Zeit wird generell als eine linksliberale Zeitung eingestuft und ähnelt dadurch beispielsweise der Süddeutschen Zeitung. Dementsprechend ist mit einer positiven Sicht auf die Migration in Deutschland zu rechnen.


Die positive Grundhaltung der Zeit zur Migration wird direkt im Titel der Kolumne „Darum ist Zuwanderung die Grundlage für unseren Wohlstand“ von Marcel Fratzscher deutlich. So sieht der Journalist die Ursache für Kritik an der Migration in „drei falsche[n] Wahrnehmungen [, die] den öffentlichen Diskurs bestimmen“[22] würden. Zum einen sei dies die Annahme, dass Zuwanderung für Deutschland ein sozialer und wirtschaftlicher Nachteil ist. Im Gegensatz dazu ist er der Überzeugung, dass ohne die Zuwanderung „das Wirtschaftswunder und der große Wohlstand heute nicht möglich gewesen[23] wären. So sieht Fratzscher in der zuvor genannten Annahme einen Versuch verletzliche Gruppen gegeneinander auszuspielen. Als zweiten Irrglauben gibt der Journalist an, dass Deutschland vor allem Personen mit geringen Qualifikationen anziehe. Die von Vertretern dieser These geforderte Kürzung von Sozialleistungen würde die Migration von Menschen mit geringer Qualifikation nur wenig senken und habe aber einen merkbaren Einfluss auf die Fachkräfte, so Fratzscher. Als dritten und letzten Irrglauben, der die Migration in Fratzschers Augen fälschlich schlecht für Deutschland wirken lasse, nennt er die Annahme, dass Migration steuerbar sei. Hierbei bezieht er sich konkret auf eine Steuerung durch eine feste Obergrenze an Migranten pro Jahr. Bei dieser Forderung handele es sich um eine „Beschneidung des Asylrechts[24], die Änderungen am Grundgesetz benötige. Fratzscher beendet seine Kolumne mit der Forderung nach mehr Unterstützung aller in der Migration Beteiligten, da aus seiner Sicht die Zuwanderung nicht nur die Quelle des Wohlstands ist, sondern auch das wirtschaftliche Gelingen für die kommenden Jahre und Jahrzehnte sichert.


Während Fratzscher seine Argumente größtenteils faktenbasiert stützt, lassen sich in der Kolumne einige blinde Flecken finden. So argumentiert er gegen die erste Annahme, dass durch Zuwanderung ein wirtschaftlicher Nachteil entstehen würde, unter anderem mit einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit. Dieser besagt, dass über 50% des Zuwachses der Beschäftigten durch Zuwanderung entstanden sei.[25]  Jedoch ignoriert Fratzscher dabei, dass in dieser Statistik auch die geplante, freiwillige Zuwanderung von Fachkräften aus anderen Nicht-Krisenländern miteinbezogen wird. Jedoch beziehen sich Zuwanderungskritiker meist auf ungeregelte Migration, nicht auf die Zuwanderung von Fachkräften.


Bei der zweiten These bezieht sich der Journalist auf eine Studie, die zeigt, wie in Dänemark die Kürzung der Sozialleistungen nur zu einem geringen Teil die Migration von Menschen mit geringen Qualifikationen reduziert.[26] Dies ist zu einem gewissen Teil  zu erwarten, da bei der Flucht aus einem Land, in dem Krieg oder Krisen herrschen, alles besser als nichts ist. Jedoch stellt Fratzscher daraufhin die These auf, dass sich die Kürzung negativ auf die Zuwanderung von qualifiziertem Personal auswirken könne, da sie sich unwillkommen fühlen würden. Dies ist doppelt fragwürdig. Zum einen geht es dem Personal um eine Stelle in einem Land, weswegen sie nicht auf Sozialleistungen angewiesen wären, und zweitens klingt es dadurch, dass er dieses Argument direkt nach dem Bezug auf die Studie nennt, als wäre es ebenfalls Fakten gestützt. Allerdings „enthält [die Studie] keine Informationen über den Einfluss des Kürzens von Sozialleistungen auf die Zuwanderung von qualifiziertem Personal.“[27] Gleichwohl hat es natürlich einen Einfluss, ob sich Zuwanderer in einem Land wohlfühlen.


Bei der dritten Annahme lässt sich ebenfalls eine Auffälligkeit im Schreiben des Autors finden. So stellt er die These, wer glaubt „Deutschland könne frei wählen und die Grenzen […] schließen, wenn die Höchstzahl erreicht ist, ist schlicht absurd[28] wie einen Fakt ohne Anhaltspunkte in den Raum. Weiterhin schreibt er, dass eine Obergrenze „eine Beschneidung des Asylrechts und eine Veränderung des Grundgesetzes[29] benötige. Dies ist bei einer rechtlichen Änderung der Fall, dasselbe würde aber auch für eine Änderung, die in seinem Sinne liegt, gelten. Außerdem findet sich in diesem Teil der Kolumne ein klassischer Fall von „Whataboutism“. Damit lenkt Fratzscher mit der Aussage „wer behauptet, man könne Zuwanderung steuern, lenkt von der sehr viel dringenderen Aufgabe ab“ selbst vom eigentlichen Thema ab.


5. Einstellung der SZ (Janik)

Die Süddeutsche Zeitung ist eine Tageszeitung, deren Beiträge dem linksliberalen Spektrum zugeordnet werden können. In Bezug auf die Flüchtlingspolitik ist daher eine eher positive Darstellung zu erwarten, die insbesondere die positiven Einflüsse von Migranten betont.

Diese Annahme bestätigt der Artikel „Dringend gebraucht“, der am 13. Dezember 2024 von der Ökonomin Lisa Nguyen und dem Politikredakteur Benedikt Peters in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht wurde.[30] Der Beitrag konzentriert sich insbesondere auf den anhaltenden Fachkräftemangel, der mit 700.000 gemeldeten offenen Stellen bereits erheblich ist und sich durch das vermehrte Renteneintrittsalter der Babyboomer-Generation in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. Die Autoren thematisieren in diesem Zusammenhang die Beschäftigungsquote von Syrern in systemrelevanten Berufen, die mit 62 Prozent höher liegt als die der deutschen Bevölkerung, welche bei 48 Prozent angesiedelt ist. Gleichzeitig wird jedoch auch die Erwerbsquote aller erwerbsfähigen Syrer erwähnt, die mit 39,8 Prozent vergleichsweise niedrig ausfällt. Die Professorin für Migrationsforschung, Kosyakova, erklärt diese geringe Quote mit der hohen Zahl kürzlich Eingewanderter, die noch "die Sprache [...] lernen und Berufsabschlüsse anerkennen lassen" müssten.


Eine dazu präsentierte Grafik veranschaulicht die Korrelation zwischen Aufenthaltsdauer und Erwerbstätigenquote und zeigt, dass letztere mit längerer Aufenthaltszeit ansteigt. Abschließend geht der Artikel auf die aktuelle Situation syrischer Migranten nach dem Sturz des Assad-Regimes ein. Während zuvor 90 Prozent der syrischen Geflüchteten angaben, dauerhaft in Deutschland bleiben zu wollen, zeigen neuere Umfragen, dass nach dem politischen Umbruch wieder mehr Syrer eine Rückkehr in Betracht ziehen. Dies könnte der deutschen Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen. Als Gegenposition stellen die Autoren die persönliche Entscheidung des Neurologen Alsayed dar, in Deutschland zu bleiben.


Der Artikel hebt folglich die positiven Aspekte der Integration syrischer Arbeitskräfte hervor, weist jedoch einige blinde Flecken auf und lässt kritische Zahlen weitgehend unkommentiert. Ein Beispiel dafür ist die recht hohe Anzahl der syrischen Bürgergeldempfänger, die mit 350.000 zwar genannt, jedoch durch die steigende Erwerbsquote bei verlängerter Aufenthaltsdauer relativiert wird. Konservative Medien würden an dieser Stelle hingegen die damit verbundene erhebliche wirtschaftliche Belastung betonen und diese Zahl kritischer einordnen.


Zudem wird der Anstieg der Erwerbstätigenquote mit zunehmender Aufenthaltsdauer zwar faktenbasiert dargestellt, jedoch sehr selektiv und positiv interpretiert. Unberücksichtigt bleibt hierbei die auffallend niedrige Erwerbstätigenquote von Frauen selbst nach acht Jahren, sowie die finanzielle Belastung, die entsteht, wenn syrische Migranten erst nach mehreren Jahren in den Arbeitsmarkt eintreten.


Ein weiterer auffälliger Aspekt ist die Auswahl der Vergleichswerte bei der Betrachtung systemrelevanter Berufe. Während bei syrischen Arbeitskräften das Verhältnis von berufstätigen Syrern zu in systemrelevanten Berufen arbeitenden Syrern herangezogen wird, erfolgt der Vergleich für Deutschland anhand der Gesamtbevölkerung. Diese unterschiedliche Berechnungsgrundlage führt zu einer Verzerrung der Zahlen, sodass syrische Arbeitskräfte im Vergleich besser abschneiden. Würde man die syrische Erwerbsquote ebenfalls auf die gesamte syrische Bevölkerung in Deutschland beziehen, würden die Zahlen aufgrund der hohen Arbeitslosenquote deutlich schlechter ausfallen.


6. Fazit (Carlos, Daniel)

Die Migration ist in Deutschland seit der Flüchtlingskrise 2015 immer wieder ein Thema der Tagespolitik gewesen und wird es vermutlich auch noch lange bleiben. Nach dem Sturz des Assad-Regimes war die Thematik besonders präsent, da die Handlungen der syrischen Regierung Flüchtlingsbewegungen maßgeblich beeinflusst haben.[31]


Die Debatten um das Asylrecht, die Menge an aufgenommenen Flüchtlingen, ihr Verhalten und besonders die ökonomische Bilanz sind stark von Vorurteilen und Populismus geprägt. Unabhängig von solchen unsachlichen Entscheidungsgrundlagen in der Politik, zeichnet sich auch in den großen, zuvor analysierten Medienhäusern je nach ihrer Position im politischen Spektrum eine unterschiedliche Position zur Frage der ökonomischen Bilanz der Migration ab.


Die beiden linksgerichteten Zeitungen SZ und Zeit stellen besonders langfristige wirtschaftliche Vorteile der Migration in den Vordergrund. Sie betonen die mit längerer Aufenthaltsdauer steigenden Erwerbsquoten von Einwanderern und deren fachliche Kompetenz. Die Migration sei eine zentrale Stütze der deutschen Wirtschaft und die Systemrelevanz dieser Arbeitskräfte sei von großer Bedeutung. Hierbei tun sich besonders zwei blinde Flecken auf. Es werden korrekte Daten aus offiziellen Erhebungen zitiert, aber mitunter falsch oder unvollständig wiedergegeben bzw. interpretiert. Zudem kommt „Whataboutism“, d.h. die Ablenkung von der zentralen Frage durch eine teils emotionalisierende Gegenfrage, zum Tragen.


Die beiden rechtsgerichteten Zeitungen Welt und NZZ sehen die besser absehbaren, kurzfristigen wirtschaftlichen Nachteile der Migration als am wichtigsten an. So werden die hohe Bürgergeldempfängerquote, die Überlastung von Sozialsystemen und die Überforderung der Infrastruktur durch Migration kritisiert. Die Einwanderung sei in erster Linie eine wirtschaftliche Belastung, keine Chance. Auch in diesen Medien zeigt sich selektive, mitunter undifferenzierte Wiedergabe von offiziellen Daten. Zudem werden langfristige Chancen der Migration bezüglich Fachkräftemangel oder demografischem Wandel meist nicht betont. Nur die Welt zeigt hier eine Abweichung, da vor allem qualifizierte Arbeitskräfte mehrfach positiv hervorgehoben werden.


Die Ansichten in unserer Gruppe sind nicht einheitlich und wir stimmen jeweils unterschiedlichen Positionen zu. Während Niels eher auf der linken Seite des Medienspektrums steht und die langfristigen Vorteile der Migration betont, befinden sich Carlos, Daniel, Dominik und Janik tendenziell auf der etwas skeptischeren Seite. Das bedeutet, sie sind eher über die kurzfristigen wirtschaftlichen Nachteile der Migration besorgt.


Insgesamt lässt sich ein recht klares Bild der Medienlandschaft zeichnen. Während linksgerichtete Zeitungen sich vor allem auf späteren, positiven ökonomischen Einfluss der Migration berufen, so wird auf der anderen Seite des politischen Spektrums vor allem die wirtschaftliche Belastung in den Mittelpunkt der Gegenwart gestellt. Dazu ist die selektive Interpretation von Statistiken in allen analysieren Zeitungen ein zentrales Problem.


Um den Diskurs um die Frage der ökonomischen Bilanz der Migration zu verbessern und echten Lösungen näherzukommen, ist ein Umdenken erforderlich. Statt Daten auszuwählen, um die eigene politische Ideologie zu unterstützen, muss das Gegenteil passieren. Ein seriöses Medium sollte Zahlen und Fakten zuerst umfangreich prüfen, um von dieser Grundlage zu einem begründeten Schluss zu kommen.


Der kritische Rationalismus nach Popper liefert die perfekte Grundlage für ein solches Vorgehen. Nach dieser Weltanschauung müsse die Einstellung im Vordergrund stehen, „auf kritische Argumente zu hören und von seinen Fehlern und aus seinen Erfahrungen zu lernen[32].


Das bedeutet, nicht die Ideologie, sondern der Erkenntnisgewinn und das Streben nach Wahrheit sollten im politischen und medialen Diskurs von größerer Bedeutung sein. Durch diesen Grundsatz wäre es möglich, der Voreingenommenheit, dem gezielten Auswählen von zur eigenen Einstellung passenden Daten und dem Populismus entgegenzutreten und eine möglichst konstruktive Diskussion um die beste Lösung für ein gutes Miteinander zu führen.

 

 

 

 


Literaturverzeichnis


Literaturquellen

POPPER, K. R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde: Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen, 8. Aufl., Tübingen 2023.

POINTNER, N.: In den Fängen der Ökonomie? Ein kritischer Blick auf die Berichterstattung über Medienunternehmen in der deutschen Tagespresse, 1. Aufl., Wiesbaden 2010.


 

Internetquellen

[1]  TAGESSCHAU: „Scholz zur Situation syrischer Geflüchteter - „Wer gut integriert ist, bleibt willkommen“, 2024, in: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/fluechtlinge-syrien-deutschland-100.html [08.01.2025].

[2]  AMLER, F.: Zuwanderung als Chance für die Wirtschaft, 2015, in: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/fluechtlinge-zuwanderung-als-chance-fuer-die-wirtschaft-1.2536314 [02.01.2025]

[3]  FRATZSCHER M.: Darum ist Zuwanderung die Grundlage für unseren Wohlstand, 2024, in: https://www.zeit.de/wirtschaft/2024-06/migration-deutschland-europawahl-menschenfeindlichkeit-marcel-fratzscher [02.01.2025].

[4]  SEIBEL, K..: Flucht und Migration kosten Deutschland dieses Jahr fast so viel wie die Bundeswehr, 2023, in: https://www.welt.de/wirtschaft/article248386590/Flucht-und-Migration-kosten-dieses-Jahr-fast-50-Milliarden-Euro.html  [02.01.2025].

[5]  HÖLTSCHI, R.; RASCH, F.: Plündern Zuwanderer das deutsche Sozialsystem oder entlasten sie es?, 2023, in: https://www.nzz.ch/wirtschaft/pluendern-zuwanderer-das-deutsche-sozialsystem-oder-entlasten-sie-es-ld.1725020 [03.01.2025].

[6]  POINTNER, N.: In den Fängen der Ökonomie? Ein kritischer Blick auf die Berichterstattung über Medienunternehmen in der deutschen Tagespresse, 1. Aufl., Wiesbaden 2010, S. 153.

[7]  Vgl. KLAUTH, J.: Eine Millionen Syrer in Deutschland – Die schrille Debatte verhindert einen echten Plan, 2024 in: https://www.welt.de/wirtschaft/article254896742/Syrien-Fluechtlinge-Die-schrille-Debatte-verhindert-den-echten-Plan.html [28.12.2024].

[8]  Vgl. SOSTMANN, U.: In Deutschland dringend gebraucht – die Angst, dass syrische Ärzte wieder gehen, 2024, in: https://www.welt.de/politik/deutschland/plus254859340/Rueckkehr-nach-Syrien-Die-Angst-dass-syrische-Aerzte-wieder-gehen.html [28.12.2024].

[9]  Vgl. MEYER, T.: Sozialstaat durch Zuwanderung retten? Das Problem ist der Sozialstaat selbst, 2024, in: https://www.welt.de/wirtschaft/plus253291572/Migration-Mehr-Asylbewerber-und-Rentner-das-wird-der-Sozialstaat-nicht-ueberleben.html [28.12.2024].

[10] Vgl. LEUBECHER, M.: So viele Bürgergeld-Bezieher haben Migrationshintergrund, 2024, in: https://www.welt.de/politik/deutschland/plus254540326/So-viele-Buergergeld-Bezieher-haben-Migrationshintergrund.html [28.12.2024].

[11] Vgl. INSTITUT FÜR ARBEITSMARKT- UND BERUFSFORSCHUNG: Syrische Arbeitskräfte in Deutschland, 2024, in: https://iab.de/daten/syrische-arbeitskraefte-in-deutschland/ [30.12.2024].

[12] Vgl. KLAUTH, J.: Eine Millionen Syrer in Deutschland – Die schrille Debatte verhindert einen echten Plan.

[13] Vgl. INSTITUT FÜR ARBEITSMARKT- UND BERUFSFORSCHUNG: Syrische Arbeitskräfte in Deutschland.

[14] Vgl. HÖLTSCHI, R.; RASCH, F.: Plündern Zuwanderer das deutsche Sozialsystem oder entlasten sie es?.

[15] Vgl. STEFAN, L.: Nein, Flüchtlinge sind keine Nettozahler oder Worauf es wirklich ankommt, 2017, in: https://www.nzz.ch/international/studie-zur-integration-nein-fluechtlinge-sind-keine-nettozahler-oder-worauf-es-wirklich-ankommt-ld.1293525 [03.01.2025].

[16] Vgl. GUJER, E.: Deutschland zahlt für Merkels Satz «Wir schaffen das» einen hohen Preis, 2020, in: https://www.nzz.ch/meinung/der-andere-blick/fuenf-jahre-wir-schaffen-das-deutschland-zahlt-einen-hohen-preis-ld.1573650 [03.01.2025].

[17] Vgl. EISENRING, C.: Die Einwanderung zu beschränken, sei wirtschaftlich und moralisch ein Desaster, sagt US-Ökonom Bryan Caplan, 2020, in: https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-einwanderung-zu-beschraenken-sei-wirtschaftlich-und-moralisch-ein-desaster-sagt-us-oekonom-bryan-caplan-ld.1530095 [03.01.2025].

[18] Vgl. GUJER, E.: Deutschland zahlt für Merkels Satz «Wir schaffen das» einen hohen Preis.

[19] Vgl. EISENRING, C.: Die Einwanderung zu beschränken, sei wirtschaftlich und moralisch ein Desaster, sagt US-Ökonom Bryan Caplan.

[20] Vgl. GUJER, E.: Deutschland zahlt für Merkels Satz «Wir schaffen das» einen hohen Preis.

[21] Vgl. STEFAN, L.: Nein, Flüchtlinge sind keine Nettozahler oder Worauf es wirklich ankommt.

[22] FRATZSCHER, M.: Darum ist Zuwanderung die Grundlage für unseren Wohlstand.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] STATISTIK DER BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT: Berichte: Arbeitsmarkt kompakt – Ausländische Arbeitskräfte am deutschen Arbeitsmarkt, 2024, in: https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Migration/Generische-Publikationen/AMkompakt-Auslaendische-Arbeitskraefte-am-deutschen-Arbeitsmarkt.pdf?__blob=publicationFile&v=2 [31.12.2024].

[26] AGERSNAP, O.; JENSEN, A.; KLEVEN, H.: The Welfare Magnet Hypothesis: Evidence From an Immigrant Welfare Scheme in Denmark, 2019, in: https://www.henrikkleven.com/uploads/3/7/3/1/37310663/agersnap-jensen-kleven_welfaremagnets_oct2019.pdf [31.12.2024].

[27] CHATGPT: Wo wird in dieser PDF über den Einfluss vom Kürzen der Sozialleistungen auf die Zuwanderung von qualifiziertem Fachpersonal geredet?.

[28] FRATZSCHER, M.: Darum ist Zuwanderung die Grundlage für unseren Wohlstand.

[29] Ebd.

[30] NGUYEN, L.: PETERS, B.: Arbeitskräfte aus Syrien – Dringend gebraucht, 2024, in: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/syrien-arbeitskraefte-arbeitsmarkt-rueckzug-fachkraeftemangel-e877628/ [30.12.2024].

[31] TAGESSCHAU: Wie Assad gestürzt wurde – und was das bedeutet, 2024, in: https://www.tagesschau.de/syrien-sieg-rebellen-entwicklung-100.html [08.01.2025].

[32] POPPER, K. R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feine: Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen, 8. Aufl., Tübingen 2023, S. 263

 
 
 

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