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Lehrkraft oder Reiseführer?

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Interview mit Frau Meier-Gerhard, von Fine Holland: Was Schule braucht und wie sie sich ändern muss, damit wir unsere Zukunft gestalten können.

Von gestern? Frontalunterricht in der Schule
Von gestern? Frontalunterricht in der Schule

LFZ: Guten Tag Frau Meier-Gerhard! Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. Sie sind an unserer Schule ein Vorreiter für Schulentwicklung. Was bedeutet für Sie Schulentwicklung?

Frau Meier-Gerhard: Offiziell bin ich die Koordinatorin, denn Schulentwicklung liegt in der Verantwortung der Schulleitung. Aber die Schulleitung ist natürlich darauf angewiesen, dass alle mitarbeiten.

Schule entwickelt sich ja eigentlich immer, das kann man gar nicht verhindern. Die Idee ist, dass man das ein bisschen […] zielführender und strukturierter macht. Wir haben drei große Bereiche, in denen wir uns entwickeln: Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Unterrichtsentwicklung. Letzteres, also der Unterricht, ist im Moment mein Fokus.

Für mich ist das Entscheidende an Unterrichtsentwicklung, dass wir versuchen, die Bedingungen, die unsere Welt bietet, noch gezielter einzubinden in die Lernprozesse.

Wir wissen alle, wie sich unsere Welt verändert hat, […] aber die Grundidee ist, dass man überlegt, wie man euch Schüler und Schülerinnen fit machen kann für diese veränderte Welt. Da geht es weniger um hartes Faktenwissen als um Kompetenzen, die sogenannten Future-Skills. In diese Richtung versuche ich mit allen anderen zusammen, den Unterricht zu verbessern.


LFZ: Erst vor kurzem haben sie an einem alternativen Prüfungsformat im Deutschunterricht mitgewirkt. Was sind ihre Ideen und Pläne für die Entwicklung unserer Schule? Was sind die 2-3 Kernpunkte der Schulentwicklung, die Sie hier umsetzen wollen?

Auf der To-do-Liste steht nicht nur für Deutsch die alternative oder zeitgemäße Prüfungsform. Damit beschäftigen sich alle Fächer. Wir sagen, es kann nicht sein, dass wir noch zig Jahre lang ausschließlich Klausuren schreiben lassen, ohne Internetzugang, ohne Kooperation. […] Vieles wird in den klassischen Klausuren getestet, aber zum Beispiel nicht Medienkompetenz oder Kooperation. Die wird in Klassenarbeiten ja sogar unter Strafe gestellt. Wenn es um alternative Prüfungsformate wie Podcasts, Experimente oder langfristige Projekte geht, wird dann auch der Weg dahin mitbewertet und nicht nur das Endprodukt.

Das ist das eine.


Dann, und das ist natürlich immer schon auf meiner Liste gewesen, gibt es das vernetzte Lernen. Das machen wir in der 6. und in der 11. Klasse und es bedeutet, fächerübergreifend zu einem Oberthema zu arbeiten, was ja letztlich auch Kompetenzen wie Kooperation fördern würde. Wir sind dran, das immer weiter zu verbessern, und wir würden das vernetzte Lernen gerne auch noch in die Mittelstufe holen, zum Beispiel in die 8. oder 9. Klasse. Und eigentlich sollte es ein grundsätzliches Unterrichtsprinzip werden.


Ein weiteres ganz großes Thema ist Lernbegleitung. Wir wollen eigentlich weg vom traditionellen Lehrer bzw. Lehrerin hin zur Lernbegleiterin und zum Lernbegleiter. Darum sind wir im Moment dabei, eine Schülersprechstunde zu etablieren. Die kann aber nur ein erster Baustein sein. Es geht darum, dass wir euch noch stärker während des Prozesses des Lernens begleiten und nicht erst am Schluss die Leistungen bewerten.


LFZ: An der Alpha School in Austin unterrichtet jetzt eine KI die Schüler und erzielt damit Spitzenresultate. Glauben Sie, dass im Thema Schulentwicklung die Lehrkraft als wissende Autorität langsam an Bedeutung verliert?

Bei dem Thema KI in der Schule stehen wir ja noch total am Anfang, da kann ich noch nicht sagen, ob sie wirklich eine richtig große Rolle in der Lernbegleitung spielen kann. Wir testen das aber, zum Beispiel im Sinne von individuellen Schreibcoaches. Dabei gibt es ganz viele Dinge, die man bedenken muss, bis hin zum Datenschutz. Aber ich glaube schon, dass das in der Individualisierung des Unterrichts eine große, große Rolle spielen wird. Also eine Lehrer-KI sehe ich im Moment nicht. Aber als sinnvolles Tool integrieren wir das auf jeden Fall, bei allen Schwierigkeiten.


Gleichzeitig hoffen wir sehr, gerade hier an unserer christlichen Schule, dass natürlich der Mensch weiterhin im Mittelpunkt steht, denn das Lernen, da sind sich alle Forscher einig, ist ein Beziehungsgeschehen. Wir setzen an der LFS sehr stark darauf, dass wir weiterhin gute Beziehungen zu den Lernenden haben. Das soll auch in unserer Schulentwicklung an vorderster Stelle stehen: dass wir Beziehungslernen fördern möchten.


LFZ: Wenn Lehrer nicht ersetzt werden können, muss ihre Arbeit ergänzt werden? Das Institut für Innovation und Technik veröffentlichte 2024 ein Scoping review und schreibt „multiprofessionelle Teamarbeit stellt einen tiefgreifenden Veränderungsprozess der Lernkultur an Schulen dar.“ Was ist ihre Meinung, würden Sie sich Tutoren, Sonderpädagogen oder Psychologinnen an unserer Schule wünschen?

Ich glaube, ein Stück weit haben wir das schon. Das ist vielleicht von außen nicht so sichtbar. Wir haben Schulseelsorge mit Frau Ahlers, wir haben ein sehr gut aufgestelltes Beratungsteam, deren Mitglieder mehrjährige Weiterbildungen haben. Die wiederum sind vernetzt mit den Kinder- und Jugendpsychologinnen und -psychologen der Stadt und können jederzeit vermitteln.


Ich weiß, dass wir auch im Bereich Medienprävention viel tun, z.B. über Rechte am Bild aufklären und darüber, was es an Straftaten und auch Hilfsangebote eben auch im digitalen Raum gibt. Dann hatten wir eine Zeitlang eine Dame von der Hospizarbeit für trauernde Schülerinnen und Schüler da.


Außerdem haben wir jetzt seit Neuestem auch eine Schulbegleiterin für ein Kind hier und noch Einiges mehr. Wir haben also unglaublich viele Bausteine, die all diese Präventions- und Beratungsthemen gut abdecken. Deswegen glaube ich schon, dass, auch wenn wir nicht in multiprofessionellen Teams täglich auf euch zukommen, wir diese Teams auf jeden Fall im Hintergrund schon haben.


LFZ: Es gibt ja eine Vielzahl an Projektideen die Schulentwicklung an Schulen vorantreiben. Eine dieser Ideen ist der „FREIDAY“, ein Projekt von Schule im Aufbruch, wo die Schüler selbst Ideen und Projekte entwickeln, die sich an den Global Goals der UN orientieren und diese selbst umsetzen. Dabei gibt es keine Vorgaben oder Benotung, das Ziel ist es laut offizieller Website „die Kinder in den Mittelpunkt des Lernens zu stellen“. Was ist ihre Meinung dazu?

Das ist ein super Ansatz. Die Aktivität muss bei den Lernenden liegen, nicht so sehr bei uns Lehrkräften. Unterrichten heißt nicht „eine Lehrkraft tut irgendwas“, sondern eine Lehrkraft macht Angebote und begleitet dann den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler. Es wäre natürlich optimal, wenn diese sich selbstständig ihre Lernziele setzen würden.


Aber wir haben eben hier am Gymnasium auch immer noch den Hauptauftrag, einen fachorientierten Unterricht zu machen. Das heißt, man müsste, um die guten Ansätze z.B. des FREiDAY zu realisieren, den Fachunterricht da integrieren. Da wären wir wieder beim Vernetzen. Ob wir den vernetzten Unterricht zum Beispiel mal in diese Richtung weiterentwickeln, ist auf jeden Fall eine Überlegung wert. Aber wenn der vernetzte Unterricht mehr Raum bekommt und nicht mehr nebenher passiert, muss viel bedacht werden. Welche Fächer geben Stunden ab, wer unterrichtet dann? Das heißt, man muss das sehr gut vorbereiten, sehr gut begleiten […].


LFZ: An unserer Schule findet in der elften Klasse ein fachübergreifender Unterricht statt. Nun gibt es auch die Idee von jahrgangsübergreifendem Unterricht, wo der Unterricht in Lerngruppen organisiert ist. Sind die Strukturen, die an unserer Schule durch den klassenübergreifenden Unterricht schon vorhanden sind, auch auf jahrgangsübergreifenden Unterricht anzuwenden?

Also der FREIDAY, der macht das ja. Das ist, finde ich, auch ein Pluspunkt daran, denn die Gruppen finden sich über ihr Interesse zusammen. Einfach nur zu sagen, es ist irgendwie toll, wenn Achtklässler und Dreizehner zusammenarbeiten, ist an sich ja kein Wert. Es muss sinnvoll sein und die Frage beantworten, inwiefern diese Heterogenität nützt.

Ob das für den Unterricht generell sinnvoll ist, darüber haben wir, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht, weil es sehr viel Aufwand wäre, das zu organisieren.


Was wir zum Beispiel aber in diesem Bereich schon haben, sind die AGs und das Drehtürmodell. Da haben wir ja die Möglichkeit, dass sich jahrgangsübergreifend Leute zusammentun. Zum Beispiel unser fantastisches Formel-1-Projekt wird viel über Drehtürmodelle organisiert.


Es gibt also schon die Möglichkeit, interessierte Leute, die Projekte machen wollen, zusammenzubringen. Aber solange wir immer noch Fachunterricht machen, auch mit Blick auf die Abschlüsse, wäre das im Moment nicht meine Priorität. Ich finde es erst mal sehr viel verheißungsvoller, wenn man innerhalb eines Jahrgangs die Fächer vernetzen würde, anstatt Jahrgänge miteinander zu vernetzen.


LFZ: Ist das denn eine Idee, zu sagen, man formuliert immer wieder Ziele, die man dann erreicht, und dann formuliert man das nächste? Oder ist es eher, man guckt, wo Projekte sind, die man interessant findet und integriert?

Ich finde, das schließt sich nicht aus. Schulen, die sehr erfolgreich sind in Schulentwicklung, die haben ihre Ziele gemeinsam formuliert und das habe ich auch vor. Im Moment schaue ich aber eher: Wo gibt es bereits gute Ansätze für Unterrichtsentwicklung und was unterstützen die Kolleginnen und Kollegen und auch die Schülerschaft? Das ist eher mein Ansatz, in der Hoffnung, dass sich daraus die Ziele herauskristallisieren lassen. Und das passiert gerade auch.


LFZ: Die sogenannten „Flurschulen“ entstanden aus der Idee von gehorsamen Schülern. Das Lernhaus-Prinzip mit gemeinsamen Foren und Gruppenräumen eröffnet dagegen Raum für Austausch. Was denken sie macht einen guten Lernraum für Schüler aus und wie könnte man dies an unserer Schule umsetzten?

Tja, das ist die Gretchenfrage an dieser Schule. Da sind wir uns alle einig. Unser Gebäude lieben wir ja sehr: Es hat Geschichte und es hat Charme. Aber es bietet uns nicht so wahnsinnig viele Möglichkeiten für etwas zeitgemäßere Unterrichtsformen.


Wenn wir z.B. andere Prüfungsformate versuchen, die mehr projektorientiert sind, müssen wir auch den Unterricht umstellen. Das heißt, wir brauchen immer mehr Räume, in denen individuell oder in kleinen Gruppen gearbeitet werden kann. Daran mangelt es hier absolut.


Man kann sich vorstellen, wie viele Millionen es kosten würde, diese Schule umzubauen.

Wir hoffen mittelfristig, sage ich mal optimistisch, vielleicht noch auf irgendeinen Anbau, Neubau, oder Umbau. Aber erstmal müssen wir mit dem arbeiten, was wir haben.


Es gibt seit diesem Schuljahr eine Gruppe, die sich Team Schulentwicklung nennt und zu der ich eingeladen habe, um gemeinsam nachzudenken über Schulentwicklung. Da haben wir als erstes Thema Lernräume auf dem Zettel. Wir sammeln gerade Ideen, wie man den Raum, den wir haben, vielleicht noch kreativer nutzen kann.

Eine Idee ist natürlich auch die verstärkte Nutzung außerschulischer Lernorte. Da sind wir auch jetzt schon sehr aktiv. Es gibt ja eigentlich keinen Tag, wo alle Lerngruppen hier im Gebäude sind. Denn wir liegen strategisch ja fantastisch, sodass wir überall schnell hinkönnen.


LFZ: Eine abschließende Frage noch: Worin sehen Sie die Aufgabe der Lehrer in der Zukunft?

Wissensvorsprung haben wir Lehrkräfte immer weniger, weil man ja alles überall nachgucken kann. Aber wir sind vielleicht so eine Art Reiseführer, die die Reise des Lernens schon mal gemacht haben, vielleicht auch schon 30 Mal. Und daraus entwickeln wir hoffentlich attraktive Reiseangebote für Euch.

LFZ: Vielen Dank für Ihre Zeit, vielen Dank für Ihre Ideen.

Gerne.

 
 
 

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