Fratelli Tutti (Teil 1) – Forderung nach einer neuen Weltordnung

Anlässlich des Endes der Adventszeit setzen Fernando und Francisco von der Eine-Welt-AG sich mit der aktuellen päpstlichen Enzyklika „Fratelli Tutti“ und dem Bezug zu dem diesjährigen Adventsthema der LFS „Frieden auf Erden“ auseinander.



"Träumen wir von einer einzigen Menschheit, wie Weggefährten vom gleichen menschlichen Fleisch, wie Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jedem mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jedem mit seiner eigenen Stimme, allen Geschwistern." (§8)


Papst Franziskus ruft in seiner Sozialenzyklika „Fratelli Tutti“ zu globalem Zusammenhalt und internationaler Zusammenarbeit für den Weltfrieden auf. Dabei spricht er grundlegende Probleme, wie Egoismus und Desinteresse am Gemeinwohl, an, thematisiert den Umgang mit der anhaltenden Migration und schlägt eine Reform der Vereinten Nationen vor.


Das Oberhaupt der katholischen Kirche nennt zunächst negative Entwicklungen auf zwischenmenschlicher Ebene, wie Egoismus und Rassismus und auf politischer Ebene, wie Einschränkung von Demokratie, Freiheit oder Gerechtigkeit. Dies seien globale Probleme und erfordern daher auch eine globale Lösung.


So erläutert er anschließend einen Weg, um aus der Abwärtsspirale zu entkommen: Mithilfe des barmherzigen Samariters werden Nächstenliebe und die Pflicht, Hilfsbedürftigen zu helfen und sie zu schützen, erklärt. Zudem hält Franziskus die Familie als Bild für Solidarität und Geschwisterlichkeit hoch und fordert dazu auf, sie zu schützen. All diese christlichen Werte seien das einzige Mittel, um aus der Krise zu entkommen – gemeint ist dabei nicht nur die Corona-Pandemie, sondern eine humanitäre, soziale und zwischenmenschliche Krise, die schon lange vor 2020 existierte.


Die Migration ist in seinen Augen ein Negativbeispiel für die Entwicklung der Menschheit. Der Papst fordert, dass Migranten von allen Staaten aufgenommen und geschützt werden, ohne das Recht der eigenen Bürger zu verletzten. Hierbei stellt er konkrete Forderungen, wie zum Beispiel Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für Migranten, doch insbesondere eine global governance (also ein globales Kontrollsystem) sei notwendig, um Fluchtursachen zu bekämpfen, aber auch um andere Krisen wie Hunger und Armut.


Franziskus ist überzeugt, dass eine Reform der Vereinten Nationen hierbei eine zentrale Rolle spielt, denn diese solle als „Familie der Nationen“ fungieren und dem Gemeinwohl dienen, indem sie Menschenrechte verteidigen und Armut bekämpfen helfe.


Weltfrieden ist somit das zu verfolgende Ziel. Um dies zu erreichen, fährt er fort, müsse jeder Einzelne mitarbeiten und vergeben. Es gehe nicht darum, Sünder zu verurteilen, sondern darum, ihnen zu helfen. Man müsse ihnen vergeben und die Menschheit an die vielen Sündenfälle erinnern. Frieden benötige eine ständige Erinnerung. Zudem lehnt Franziskus den Begriff des „gerechten Krieges“ ab und stellt klar, dass nur ein „Nie wieder Krieg!“ zu Frieden führe. Auch die Todesstrafe müsse abgeschafft werden, da das menschliche Leben heilig sei.


Zuletzt stellt der Papst klar, dass die Religion an sich nicht für Krieg und Terror verantwortlich sei. Bei Terror Anschlägen würde sie ideologisiert werden, die eigentliche Intention von Religion werde verändert. Im Kriegsfall werde Religion als Vorwand genutzt, um andere Ziele, wie Landgewinnung zu erreichen. Doch die Ansprüche von Religion seien anders, sie ermöglichen einen Weg des Friedens.


Weder seine Forderungen zur Migration noch die Kapitalismuskritik stellen wirklich neue Aspekte seines Aussagenkatalogs dar. Ein tatsächliches Novum ist vielmehr der interreligiöse Einfluss, der für die Entstehung des Werkes grundlegend gewesen sei, so Franziskus. Denn als Inspirationsquelle für „Fratelli Tutti“ wird Ahmad Muhammad Al-Tayeb, ein führender Vertreter des Islams, genannt und inhaltlich wird auf dem „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ aufgebaut, welches beide Religionsvertreter am 4. Februar 2019 unterzeichnet hatten. Das letzte Kapitel der Enzyklika befasst sich zudem mit dem Dokument.


Veröffentlicht wurde die Enzyklika schließlich am 4. Oktober 2020, also rund ein halbes Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa. Franziskus erklärt, dass er bereits angefangen hatte, das Werk zu schreiben, als das geschah, doch es habe seinen Aussagen und seinen Befürchtungen nicht widersprochen, sondern es habe sie vielmehr bekräftigt. Denn der Papst stellt klar, dass diese globale Krise zeigt, wie verletzlich die Menschheit eigentlich ist und dass es nur einen Weg gibt, sie zu überstehen und Frieden auf Erden zu schaffen: Der Weg der Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe.

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