"Clean Meat" - die Lösung unseres Fleischproblems?

Von Alina Getz - Der weltweite Fleischkonsum nimmt zu und bringt verheerende Folgen sowohl für das Klima als auch für das Tierwohl mit sich. Dennoch ist der Verzicht auf Fleisch für viele Menschen undenkbar. Dieses im Labor zu züchten könnte allerdings schon bald eine Alternative darstellen. Ein Essay.


Was ist das überhaupt - Laborfleisch?

„In-Vitro-Fleisch“ (von lateinisch „in vitro" ‚im Glas‘), oder auch „Clean Meat“ genannt, ist eine technische Alternative zur konventionellen Fleischproduktion. Dabei werden die Muskel- als auch Fettzellen im Labor herangezüchtet, indem dem Tier Stammzellen aus dem Muskelgewebe entnommen und in einer Nährlösung in Bioreaktoren zu Gewebe gezüchtet werden. Diese Nährlösung enthält neben Zucker, Aminosäuren, Mineralien und Vitaminen auch ein Wachstumsserum, welches aus dem Blut eines lebenden Embryos stammt.


Um dem steigenden Fleischkonsum gerecht zu werden, könnten dank dieser Technologie zukünftig mit nur einer Stammzellenentnahme beispielsweise ganze 80.000 Fleischpatties gezüchtet werden. Nutztiere für die Fleischproduktion zu züchten wäre so nicht mehr nötig.

Weshalb benötigen wir eine Alternative?

Die Problematik beginnt mit dem Fleischkonsum des Menschen. Dieser wird weiterhin - auch aufgrund des steigenden Wohlstands und der wachsenden Weltbevölkerung - zunehmen. Um diese in Zukunft versorgen zu können, wird immer mehr Land für Futtermittel und Tiere benötigt, worüber wir allerdings nur begrenzt verfügen. Unglaubliche 77 Prozent der nutzbaren Agrarfläche wird derzeit für die Fleisch- und Milchproduktion verwendet. Auf vielen Böden gedeihen kaum essbare Pflanzen für uns Menschen. Dennoch werden auch viele Flächen für die Fleischproduktion ausgebeutet, die man ohne den exzessiven Fleischkonsum der Natur überlassen könnte.



Ebenfalls als negativ erweist sich die herkömmliche Fleischproduktion hinsichtlich des enormen Wasserverbrauchs - dieser kann je nach Region und Tierart bis zu 15 000 Liter Wasser betragen. Auch in Bezug auf die Treibhausgas-Emissionen gibt es Bedenken. Diese machen rund 15% des gesamten globalen Ausstoßes an Treibhausgasen aus. Ein großer Faktor, welcher dazu beiträgt, sind die enormen Mengen an Methangas, die von Kühen ausgestoßen werden. Hierbei spricht man von 500 Liter Methangas, die pro Kuh täglich erzeugt werden - und das bei einer Anzahl von momentan 1,5 Milliarden Kühen.


Neben den ökologischen Aspekten ist aber auch das Tierwohl nicht zu vergessen, welches unter der konventionellen Tierhaltung stark leidet. Noch immer werden die Tiere oft unter grausamen Bedingungen gehalten, in möglichst kurzer Zeit zu schlachtungsreifen Tieren herangezüchtet, nur um der Menschheit den Fleischgenuss zu ermöglichen. Eine tierfreundliche, ressourcenschonende und somit nachhaltige Methode der Fleischproduktion ist somit unerlässlich.


Was macht „In-Vitro-Fleisch“ besser?

2011 wurde eine Studie der „American Chemical Society“ veröffentlicht, die besagt, dass Fleisch aus dem Labor im Vergleich zu herkömmlichem Fleisch 82% Wasser spart, 78% weniger Treibhausgase verursacht und 99% weniger Nutzfläche beansprucht (vgl. https://pubs.acs.org/doi/10.1021/es200130u). Dem entgegen ließ sich in einer weiteren Studie der „American Chemical Society“ feststellen, dass der Energieverbrauch bei In-Vitro-Fleisch bis zu drei Mal höher als in der konventionellen Fleischproduktion sein kann (vgl.https://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/acs.est.5b01614). Grund dafür ist unter anderem die Herstellung der Nährlösung, der Betrieb der Anlagen sowie die Säuberung der Bioreaktoren. Insbesondere müssen alle Prozesse, die normalerweise von selbst in einem Tier hervorgehen, künstlich erzeugt werden. Das Problem des hohen Energiebedarfs ist kaum zu lösen, könnte theoretisch allerdings durch die Verwendung von erneuerbaren Energien und klimafreundlichen Bioreaktoren angegangen werden. Nichtsdestotrotz sollte der Energieverbrauch nicht unterschätzt werden. Die Erzeugung solch hoher Mengen erneuerbarer Energie benötigt viel Fläche und Speichermöglichkeiten, die uns momentan noch nicht zur Verfügung stehen. Somit stellt der hohe Energiebedarf bezüglich der Nachhaltigkeit das größte Problem der zellbasierten Landwirtschaft dar.


Im Hinblick auf das Tierwohl ermöglicht die Technologie des „Clean Meat“ ebenfalls einen großen Fortschritt in der Fleischproduktion, da die Gewebeprobe nur eines Tiers für eine unvorstellbar große Menge an Fleisch genügt. Somit müssen keine Tiere mehr für die Industrie gehalten werden und die konventionelle Massentierhaltung mit ihren unwürdigen Bedingungen würde somit ein Ende finden. Hinzu kommt, dass so auch keine Tiere mehr für ihr Fleisch geschlachtet werden müssen und ihnen so ein „unbeschwertes“ Leben geboten wird.

Zum aktuellen Zeitpunkt ist es jedoch nicht möglich, das Tierleid gänzlich auszuschließen. Damit sich die Stammzellen aus der Gewebeprobe des Tiers vermehren können, benötigt es eine Nährlösung, welche ein Wachstumsserum enthält. Problematisch erweist sich hierbei, dass dieses aus dem Blut eines lebenden Embryos gewonnen wird. Die Entnahme erfolgt durch einen Stich in das Herz des Ungeborenen, wobei sowohl dieses als auch das Muttertier stirbt. Verbunden ist dieser Eingriff mit starken Schmerzen, sodass die Entnahme des Serums ethisch als sehr fragwürdig bewertet werden muss. Jedoch wird schon seit einiger Zeit an einer pflanzlichen Alternative für dieses Serum, geforscht. Fleisch zu produzieren, unter dessen Zucht zuvor kein Tier leiden musste, soll so in naher Zukunft die Realität darstellen.


Weshalb ist In-Vitro-Fleisch noch nicht auf dem deutschen Markt zu finden?

Um dem Fleisch aus dem Labor den Weg in den Supermarkt zu ermöglichen, benötigt es viele Voraussetzungen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gegeben sind. Momentan verfügt lediglich Singapur über eine Zulassung, um In-Vitro-Fleisch verkaufen zu können.


Des Weiteren sind die Menschen von der neuen Technologie teilweise noch verunsichert, da im Labor gezüchtetes Fleisch für die meisten ein ungewohnter, gar absurder Gedanke ist. Ergebnisse einer Studie der „Deutschen Akademie der Technikwissenschaften“ aus dem Jahr 2021 zeigten, dass nur knapp ein Viertel (24%) der Befragten sich vorstellen könnte, Laborfleisch in Zukunft zu konsumieren (vgl.https://www.acatech.de/termin/was-essen-wir-in-zukunft/). In Folge der geringen Nachfrage, gibt es in Deutschland auch noch keine Laborfleischindustrie. Es handelt sich hierbei somit um mehrere Faktoren, die voneinander abhängig sind und den Weg des In-Vitro-Fleisches auf den Markt komplex machen.


Doch lässt sich noch die Frage stellen, was Landwirte tun sollen, wenn ihre Arbeit nicht mehr benötigt wird. Diesen müsste eine Rolle in der Kulturfleischprodukion vergeben werden. Ein Lösungsansatz für die Zukunft könnte hier die Lieferung der „Nahrung für Zellen“ sein, da sich nun nicht mehr um die Tier-, sondern stattdessen um die Zellzucht gekümmert werden muss. Inwiefern dieser Ansatz umsetzbar ist, ist allerdings noch offen. Es wird sich wohl kaum vermeiden lassen, dass es durch die neue Technologie deutlich weniger Arbeitsplätze geben wird. Die fleischbezogene Landwirtschaft besteht aus einem großen Konstrukt vieler Akteure, unter anderem auch Futterlieferanten und Metzgern.


Dass Fleisch aus dem Labor insbesondere in Bezug auf die Umwelt und das Tierwohl im Vergleich zur konventionellen Fleischproduktion eine zukunftsweisende Alternative darstellt, erweist sich als eindeutig. Das Klima wird entlastet und hinsichtlich der Nutztierhaltung könnte sogar eine Revolution eingeleitet werden.


Die Defizite der heutigen Fleischindustrie lassen uns mittlerweile kaum noch eine Wahl. Entweder wir ändern unser Essverhalten und beginnen uns vegetarisch oder gar vegan zu ernähren oder wir greifen in Zukunft ausschließlich auf Fleisch aus dem Labor zurück. Diese Art der Fleischproduktion ist in vielerlei Hinsicht die beste, wenn es darum geht, echtes Fleisch zu züchten, welches sich von dem herkömmlichen kaum bis gar nicht unterscheidet.


Was uns trotzdem bewusst sein sollte, ist, dass eine fleischlose Ernährung noch deutlich umweltfreundlicher ist und In- Vitro- Fleisch nicht gleich alle unsere Probleme lösen wird. Das Einzige was sich dem in den Weg stellt, ist der Mensch selbst. Wir sind an den Verzehr von Fleisch und auch anderen tierischen Produkten gewöhnt und sehen es als wichtigen Bestandteil unserer Ernährung an. Dieses Verhalten stellt die Gesellschaft vor ein Problem. Mit In-Vitro-Fleisch steht nun eine Alternative vor der Tür, mit der den Menschen ein insgesamt deutlich besser hergestelltes Fleisch geboten werden kann. Wichtig ist nun, dass diese neue Technologie weiterhin gefördert wird, Lösungen für ihre Defizite gefunden werden und die Gesellschaft der neuen Alternative eine Chance gibt. Nur so können sich die Konzerne, welche lange Zeit an dem Fleisch aus dem Labor geforscht haben, mit der neuen Alternative durchsetzen und die Ernährung der Welt nachhaltiger und auch tierfreundlicher gestalten.



Quellen und Tipps:


Youtube: Youknow,In-Vitro-Fleisch in 4 Minuten erklärt

(https://www.youtube.com/watch?v=sm6W7GnY_6s&t=78s)


Youtube: Terra X Lesch & Co, Laborfleisch – das bessere Fleisch?

(https://www.youtube.com/watch?v=gQnY9Ac71Ys)


Youtube: klima:neutral, Kann Laborfleisch das Klima retten?

(https://www.youtube.com/watch?v=Mk_ewXIYZRY&t=444s)


Youtube: Niko Rittenau, Ist Laborfleisch die Lösung für die Welternährung?

(https://www.youtube.com/watch?v=_vCfhQMe7m4)


Der Deutsche Bundestag: Sachstand zu In-Vitro Fleisch

(https://www.bundestag.de/resource/blob/546674/6c7e1354dd8e7ba622588c1ed1949947/wd-5-009-18-pdf-data.pdf)


SWR Wissen: Ohne Schlachten: Laborfleisch erstmals zugelassen

(https://www.swr.de/wissen/laborfleisch-erstmals-zugelassen-100.html)

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