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Abitur 2022: "Unter der Drachenwand"

Die angehenden Abiturienten sind mitten in der Vorbereitungs- und Lernphase. In Deutsch stand ein Roman ganz oben auf der Liste, dessen Inhalt dieser Tage erschreckend aktuell ist. Eine Rezension von Amelie Heinke.

Cover: „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger © dpa / picture-alliance / Hanserverlag


In Europa herrscht Krieg. Durch Russlands völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine liegt die Hoffnung auf Frieden in Europa und der Appell, der mit der Forderung „Nie wieder“ einherging, in Trümmern. Sowohl bei Politiker:innen als auch bei Bürger:innen herrscht Fassungslosigkeit. Jahrelang wurden Warnungen ignoriert, weil ein Krieg unvorstellbar schien. Immer wieder kommt man zu der einen Frage zurück: Wie konnte das passieren?


Und in Deutschland werden wieder Erinnerungen wach – aufrechterhaltende Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und damit verbundene Ängste. Einige ältere Menschen haben den Krieg noch selbst miterlebt, die meisten wurden durch die Erfahrungen ihrer Eltern geprägt. Dabei sind im Spannungsfeld zwischen der Verdrängung der Beteiligung der eigenen Familie an den Verbrechen der Nationalsozialisten und einer bewussten Verantwortungsübernahme die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg durch die kollektiven Erinnerungen zu zentralen Bestandteilen unseres kulturellen Gedächtnisses geworden und prägen bis heute unsere Politik. Im Vordergrund steht dabei meist der Versuch, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu begreifen. Wie konnte es damals zum Krieg kommen? – Diese Frage ist jetzt so aktuell wie schon lange nicht mehr.


Thema des Romans

In Arno Geigers 2018 erschienener Roman „Unter der Drachenwand“ stellt der Autor menschliche Schicksale zwischen den Schrecken durch Tod und Gewalt und ihrem Alltag in den letzten Kriegsjahren dar. Er geht der Frage nach dem „Warum?“ nach und beschäftigt sich mit der Sozialisation in einer Familie bzw. Gesellschaft, die durch die nationalsozialistische Ideologie geprägt ist. Der Roman dreht sich ganz konkret um die Auswirkungen von Krieg und Gewalt auf die menschliche Psyche und um Liebesbeziehungen während der Kriegszeit. Als Erzählstimme wählt Geiger eine für einen Roman aus dem Zweiten Weltkrieg untypische Hauptfigur, den jungen Wehrmachtssoldaten Veit Kolbe, der aufgrund einer Verletzung zur Erholung nach Mondsee in Österreich kommt, und dort auch nach seiner Genesung bleibt.


Die Figuren des Romans

In der idyllischen Welt in Mondsee trifft Veit Schülerinnen aus Wien, ihre Lehrerin, eine Quartiersfrau, die überzeugte Anhängerin der Nationalsozialisten ist, ihren Bruder, dem „Brasilianer“, der nur widerwillig aus Südamerika zurückgekehrt ist und die Ideologie des NS-Regimes offen kritisiert, und verliebt sich in Margot, eine junge Mutter aus Darmstadt. Die Dominanz dieses Haupthandlungsstrangs wird durch Briefe von der in Darmstadt zurückgebliebenen Lore Neff an ihre Tochter Margot, vom 17-jährigen Kurt Ritler an seine Freundin, eine der Schülerinnen, und von dem jüdischen Wiener Oskar Meyer an seine Familie unterbrochen.


„Unter der Drachenwand“ profitiert von diesem breit angelegten Figurentableau, das eine differenzierte Betrachtung des Themas Schuld und Verantwortung ermöglicht. Besonders deutlich wird dies an der Charakterisierung von Veit Kolbe. Veit ist gleichzeitig Kriegsgegner, traumatisiertes Opfer, liebevoller Ziehvater, und mitschuldiger Soldat. Seine Kritik an den Taten der Nationalsozialisten beruht weniger auf seinen politischen und moralischen Idealen, sondern mehr auf seiner persönlichen Betroffenheit und auch sein einziger Akt der

Rebellion ist am Ende nicht auf aktiven Widerstand zurückzuführen. Veit Kolbe ist kein Held und oft noch nicht einmal sonderlich sympathisch, aber es ist möglich, sich mit ihm zu identifizieren.


Das Gewinnbringende an Arno Geigers Roman liegt in eben diesen Facettenreichtum, die das Bild eines „grauen“ Mitläufers zeichnet – ein Bild das wahrscheinlich vielen Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus näherkommt als das der heroischen Widerstandskämpfer oder abgrundtief bösen Nazis.


Das Besondere des Romans:

"Nicht dem Trampelpfad der Gewaltgeschichte folgen"

Arno Geiger legt seinen Roman bewusst als Antikriegsroman, der nicht dem „Trampelpfad der Gewaltgeschichte“ folge, an. Nicht "heldenhafte" (Widerstands-)Kämpfer:innen, spektakuläre Schlachtszenen oder dergleichen steht im Zentrum, sondern der deprimierende Alltag einer vom Krieg gezeichneten jungen Generation. Geiger möchte also nicht den Krieg selbst, sondern die Auswirkungen des Krieges auf die Beziehungen von Menschen und ihr Privatleben darstellen. Der Weltklassiker „Im Westen nichts Neues“ ist nach seiner Definition damit auch kein Antikriegsbuch. Diese fast anmaßende Haltung Geigers Erich Remarques Roman gegenüber, in dem dieser eigene Kriegserfahrungen und die seiner Freunde zu einer Geschichte verarbeitet, in der die Schrecken des Krieges an der Front geschildert werden, verrät bereits viel über seine eigene literarische Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs.


Allerdings wird leider oft zu deutlich, dass es Arno Geigers Intention war, einen Antikriegsroman zu schreiben. Die ansonsten sehr glaubwürdige Darstellung von Veit Kolbes Gedanken wird dann durch Passagen wie „Weil aber, wenn einer aus dem Krieg zurückkehrt, das Zuhause ein anderes ist als dasjenige, das er verlassen hat, fühlte ich mich trotz der Erfüllung all dieser Wünsche zu Hause nicht wohl“ unterbrochen. Das ist zwar in der Sache ein schlauer Gedanke, den man so auch bestimmt als Sinnspruch verwenden könnte. Allerdings wird in diesen zusammenfassenden Passagen ein Niveau an Selbstreflexion erreicht, das Soldaten wie Veit zumindest zu diesem Zeitpunkt wohl selber kaum gehabt haben dürften.


Kritische Zwischenbilanz

Dabei wären diese plakativen Antikriegsbotschaften nicht nötig gewesen, denn es gelingt Arno Geiger auch subtiler, die Distanz zwischen Veit und seiner gewohnten Umgebung aufzuzeigen. Dazu kommt, dass die Figur des Brasilianers als Kriegsgegner, der in gewisser Weise das moralische Gewissen Veits darstellt, etwas zu fantastisch und moralisierend ist. Seine Weisheiten und Ratschläge, die im direkten Zusammenhang zur nationalsozialistischen Ideologie stehen, sein Optimismus und die paradiesische Atmosphäre des Gewächshauses reduzieren ihn auf seine Handlungsfunktion als Figur und machen ihn zu einer Projektionsfläche von Geigers Haltung zu den Nationalsozialisten, womit sie dem Roman einen Teil seiner Authentizität nehmen.


Dabei liegt gerade in dieser Authentizität ansonsten die große Stärke des Romans. Denn besonders die verschiedenen Briefe tragen in ihrer Multiperspektivität dazu bei, einen vielseitigen und erschreckend realistischen Blick in den Alltag der Menschen während des Jahres 1944 zu werfen. In diesem Zusammenhang muss die enorme Rechercheleistung Arno Geigers gewürdigt werden, der zehn Jahre lang viele Originalquellen auswertete, um sowohl inhaltlich als auch sprachlich ein möglichst authentisches Eintauchen in die letzten Kriegsjahre zu ermöglichen. Der Autor selbst beschrieb seinen Roman als „erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern“.


Das letzte Kapitel von „Unter der Drachenwand“ lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit dann vollends verschwimmen. Durch diese geschickte Vermischung von historischer Faktizität und literarischer Verarbeitung gelingt es Leser:innen, sich emotional in den Roman hineinfühlen zu können und sich dabei nicht komplett vom Roman zu distanzieren. Dies ist vielleicht Arno Geigers wichtigste Leistung, um die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg: Ein Infragestellen eigener Positionen, den Versuch einer literarischen Aufarbeitung der Geschichte, und damit dem Schaffen einer Grundlage für eine gemeinsame Erinnerungskultur zu ermöglichen. Die Multiperspektivität des Buches eröffnet dabei die Möglichkeit, sowohl die Erfahrungen von Opfer- als auch von Tätergruppen der NS-Zeit begreifbar zu machen. Im Leseprozess klingt dabei die persönliche Frage nach den eigenen Entscheidungen nach, der angesichts der aktuellen Entwicklungen des Krieges in der Ukraine eine besondere Bedeutung zukommt.


Der einzige Störfaktor in dieser Multiperspektivität ist, dass die Briefe des Juden Oskar Meyer nicht eng in die Handlung von „Unter der Drachenwand“ integriert sind. Eine Vernetzung wird lediglich durch eine einmalige Begegnung aus der Ferne hergestellt. Das könnte man in Anlehnung an eine Rezension von Andreas Platthaus als Versuch der klaren Trennung der unterschiedlichen Erfahrungen deutschen Bevölkerung, die zumindest indirekt die Nationalsozialisten unterstützten, und der Opfer des NS-Regimes werten. Andererseits wirkt es so, als wäre die Perspektive der jüdischen Bevölkerung lediglich ein Punkt gewesen, der bei einem Roman über den Zweiten Weltkrieg nun mal abgehakt werden muss, damit dieser als Antikriegsroman gelesen werden darf. Hier wäre es passender gewesen, auch die Geschichte von Oskar Meyer und seiner Familie enger in die Haupthandlung des Romans einzubinden.


Die Orte des Romans

Im Gegensatz dazu sind die Wahl und symbolische Aufladung der Handlungsorte sehr gelungen. Neben ihrer Funktion als Authentizitätsfaktor nutzt Geiger die Orte als „sprechende Räume“, um die Dissonanz zwischen der idyllischen Assoziation von Mondsee und Schwarzindien und der menschenverachtenden Propaganda der Nationalsozialisten sowie militärischen Drill. Die titelgebende Drachenwand bietet als Felswand Schutz und schottet Mondsee vom Krieg ab. Andererseits stellt sie durch ihre Erinnerung an die Siegfriedsage auch eine ständige Repräsentation des „Heldengedenkens“ und der Idee des männlichen Heroen der NS-Ideologie dar. Auf subtile Weise werden so der Einfluss und Folgen dieser Ideologie auch in einem abgeschiedenen und ländlichen Ort wie Mondsee deutlich.


Fazit: Wertvoller Beitrag zur Erinnerungskultur

Literatur ist Wissen, wie beschränkt auch immer, wie alles Wissen. Doch sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wege, die Welt zu verstehen“ – das sagte die bekannte Essayistin und Publizistin Susan Sontag 2004 in einer Dankesrede. Literatur soll unsere Welt erweitern und Literatur soll sich mit den existenziellen Fragen des Lebens beschäftigen. Dazu gehört die Frage nach dem Bösen, die Frage nach dem „Warum?“. Arno Geiger findet in seinem Roman keine Antwort auf diese Frage, aber das muss er auch nicht, denn sein Werk ermöglicht es, uns in die Gesellschaft 1944 hineinzuversetzen und uns selbst diese Frage zu stellen. „Unter der Drachenwand“ leistet damit einen wichtigen Beitrag zur individuellen Perspektiverweiterung und kollektiven Erinnerungskultur.


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