Zurück zur Sache – Ein Plädoyer für informativen Journalismus

Von Leonard Püschel - Seit dem Erstarken rechter Parteien in Europa sind die öffentlich-rechtlichen Medien immer wieder in die Kritik geraten. Warum ein Umdenken im Umgang mit den Populisten stattfinden muss, erklärt unser Autor.

















(Collage)

Bild: Gerhard Leber/Imago


Medien haben im Zeitalter der digitalisierten Welt mehr Verantwortung denn je und stehen vor immer größeren Herausforderungen. Sie entscheiden, welche Themen auf die Agenda gesetzt werden und auf welche Weise diese behandelt werden. Damit tragen sie maßgeblich zur politischen Willensbildung der Bevölkerung und dem daraus resultierenden Diskurs bei.


Gerade Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen sind dabei in einer undankbaren Situation. Sie müssen sich immer wieder der Herausforderung stellen, alle relevanten Themen in ihrer Komplexität darzustellen. Da die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer leider nicht endlos ist und in den Nachrichten nicht gerne ein Thema komplett ausgespart wird, leidet dadurch zwangsläufig die Differenzierung der einzelnen Beiträge. Das schadet dem Debattenklima: Eine angemessene Meinungsbildung und die daraus resultierende Position in einer Debatte kann nur auf Basis informierender und differenzierter Beiträge erfolgen.


Außerdem besteht folgendes Problem: Medien sind durch Populismus immer wieder respektlosen Attacken ausgesetzt. „Lügenpresse“-Schreie verunglimpfen die so wichtige Arbeit der Öffentlich-Rechtlichen, von allen Seiten wird der Rundfunkbeitrag kritisiert und in ganz Europa gewinnen rechte Parteien an Wählern, sodass die Demokratie immer wieder von diskriminierenden und diskreditierenden Äußerungen erschüttert wird. Die Reaktion von ARD und ZDF ist aber nicht zielführend. Georg Restle, Redaktionsleiter der ARD-Sendung Monitor, spricht sich in einem Essay klar für einen werteorientierten Journalismus aus. Dem Populismus müsse durch die Medien eine Haltung entgegengesetzt werden. So absurd es klingen mag, führt dieser gutgemeinte Ansatz zum Gegenteil von dem, was damit eigentlich intendiert ist. Stattdessen brauchen wir einen sachorientierten Journalismus: erst die Fakten, davon ausgehend kann sich jeder eine Haltung bilden.

Und zwar aus folgendem Grund: Jeder Mensch hat sein persönliches Wertegerüst. Auf dieser Basis beurteilt jeder Mensch eine politische Streitfrage auf seine Weise und hat dementsprechend eine Position dazu. So ein Wertegerüst ist meistens recht statisch und wenig veränderbar. Ein werteorientierter Journalismus fährt somit gegen eine Wand. Die öffentlich-rechtlichen Medien werden Rechtspopulisten niemals damit erleuchten, dass Toleranz und die Gleichheit der Menschen doch wichtig seien. Im Gegenteil löst die Konfrontation mit einer anderen Meinung gerade bei Populisten eine Bestärkung der eigenen aus. Und bei Menschen, die Toleranz und Gleichheit ohnehin einen hohen Stellenwert zuschreiben, wird die eigene Meinung ebenso bestätigt. Wenn zwei Parteien sich in einer Streitfrage in ihrer Meinung stark bekräftigt fühlen, ist das Ergebnis davon eine stark polarisierte, aber wenig ergebnisoffene und produktive Debatte.


Ein informativer und sachorientierter Journalismus hingegen wird zwar nicht die Wertegerüste der einzelnen Streitparteien beeinflussen, schafft aber eine Debattengrundlage basierend auf Fakten und Informationen, anhand derer sich Menschen ihre eigene Meinung bilden und diese argumentativ in die Debatte einbringen können. Dadurch wird der Diskurs ergebnisorientiert und produktiv. Es geht nicht mehr darum, mit populistischen Parolen andere zu diskreditieren oder seine eigene Ideologie zu heiligen, sondern gemeinsam mit allen eine Lösung für ein Problem zu finden.


Natürlich wird absolute Neutralität in den Medien nie möglich sein. Und ebenso werden Populisten niemals aufhören, die Demokratie durch Parolen zu provozieren, die öffentlich-rechtlichen Medien als „Lügenpresse“ zu diffamieren und somit Öl in das Debattenfeuer zu gießen. Aber durch einen sachorientierten Journalismus können die Medien dieses Feuer zumindest teilweise löschen, anstatt die Debatte weiter zu polarisieren. In Zeiten von Rechtspopulismus ist eine klare Haltung mehr als wichtig. Doch sollte sich diese jeder anhand von Fakten selber bilden, anstatt dass diese von den Medien vorgegeben wird.


(Quelle: https://mobil.nwzonline.de/freitag-fuer-meinung/freitag-fuer-meinung-zurueck-zur-sache-ein-plaedoyer-fuer-informativen-journalismus_a_50,6,3224227954.html)












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