Statuenstürze - Akt der Aufklärung oder hysterische Bilderstürmerei?

Nicht nur Kolonialisten-Denkmäler geraten ins Visier antirassistischer Proteste (und dann im Hafenbecken), sondern auch Denker, die im Unterricht als Vertreter von Aufklärung und Humanismus behandelt werden. Wie sollen wir damit umgehen? Gastbeitrag von Meret Otto.

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft)


Kants kategorischer Imperativ - bedeutend über die Aufklärung hinaus bis in die heutige Welt. Noch immer sind die Schriften Kants elementarer Bestandteil nicht nur im Studium der Philosophie, sondern auch als Teil des Schulunterrichts. Doch nun werden im Zuge der "Black Lives Matter-Bewegung" Stimmen laut, welche die Lehren der großen Philosophen wegen rassistischer Äußerungen der Urheber kritisieren. Weiter werden im Internet und Zeitungen immer mehr Bilder der sogenannten Statuenstürze veröffentlicht. Hierbei werden Denkmäler, beispielsweise von Churchill, Edward Colston oder George Washington, gestürzt, da die dort abgebildeten entweder tragende Rollen im Kolonialrassismus besaßen oder sich des Öfteren rassistisch äußerten. Doch begünstigen solche Denkmäler rassistische Ansichten, vor allem eine Geschichtserzählung aus weißer Perspektive? Welchen Stellenwert hat Kolonialrassismus in unserer Erinnerungskultur?


Diese "Denkmäler" sollten "Mahnmale" genannt werden

Politischer Ikonoklasmus wird in der heutigen Zeit immer bedeutender, unsere Sicht auf die damaligen deutschen Kolonien ist zu unkritisch. Wir beobachten mit gespanntem Blick die Bilder in den USA. Wir beobachten, wie in Brüssel auf die Statue von Leopold II., welcher in seiner Kolonie, dem Kongo, 50 Prozent der Bevölkerung, also ca. 8-10 Millionen Menschen sterben und verhungern ließ, Mörder geschrieben wird. Diese Bilder müssen zum Denken anregen. In Deutschland gibt es noch immer zu viele Straßen, welche nach Carl Peters benannt sind, oder Denkmäler für Hermann von Wissmann ohne jegliche Kennzeichnung der von ihnen verübten Schandtaten. Diese Statuen sollten nicht als Denkmäler, sondern als Mahnmale aufgestellt und gekennzeichnet werden. Sie sind Ausdruck von Rassismus, sie sollten daran erinnern, warum die westliche Küste Afrikas Sklavenküste genannt wurde.


Das Stürzen der Kennzeichen ist keine Form von einer künstlichen „Skandalisierung“, es ist ein Ausdruck jahrzehntelanger Bürde. Die Nilpferdpeitsche schlägt zurück auf ihre Herren. Um als Beispiel bei Leopold II. zu bleiben, gedenkt man mit einer Statue demjenigen, unter dessen Herrschaft die Willkür der Kolonialherren omnipräsent war. Auspeitschen, Vergewaltigung, Verstümmelung, Ausbeutung und systematisches Hungern standen an der Tagesordnung. Mit den Füßen aneinandergekettet mussten die Bewohner des Kongos Kautschuk erwirtschaften. Der Sturz von solch einem Denkmal ist selbstverständlich keine geschichtliche Aufarbeitung, doch erregt es Aufmerksamkeit und ruft einen öffentlichen Diskurs zurück ins Leben. Hierdurch wird jedoch vielmehr evident: Denn nicht nur eine geschichtliche Aufarbeitung ist verbindlich, auch eine Reflexion der Gegenwart ist unumgänglich.


Schwarze Menschen werden oft benachteiligt oder mit Vorurteilen belegt. Es muss sich vor Augen geführt werden, dass Rassismus kein Exklusiv-Phänomen in den USA ist. Die Frage, welche Verantwortung wir für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im Afrika des 21. Jahrhunderts tragen, ist obligatorisch für jedes einzelne Land, welches am Kolonialismus und systematischen Ausbeutung beteiligt war. Hierbei wäre es statt willkürlicher Statuenstürzen angebrachter, danach zu fragen, welche Statue für Rassismus steht, um eine eine Umgestaltung dieser zu veranlassen, sodass auf den ersten Blick erkenntlich wäre, dass mit dieser nicht den Wohltaten der Person gedacht wird, sondern an ihre Bluttaten erinnert wird. Weiter könnte diese Bewegung Auswirkungen auf unsere institutionelle Erinnerungskultur haben, die von weißer Geschichte gefärbt wurde und in welcher eine Repräsentation der Versklavten nicht existent genug ist.


Kant, ein blutiger Humanist?

Doch nicht nur Statuen werden gestürzt, auch die oftmals makellos wirkende Reputation großer Aufklärer und Humanisten wird angegriffen. Kant, der Begründer der europäischen Aufklärung - in Wirklichkeit Rassist? Es lässt sich nicht bestreiten, selbst Immanuel Kant, einer der größten Vertreter von Toleranz und Humanismus, besaß rassistische Vorurteile. Obgleich er alle Menschen als von einer Menschheit abstammend betrachtete, nahm er eine Klassifizierung von Menschen vor. Ist er deswegen ein Rassist beziehungsweise kann oder darf man ihn nach den Maßstäben der Moderne beurteilen? Es ist schwierig, zu behaupten, dass Kant solche Vorurteile nur des Geistes der damaligen Zeit wegen besaß. Schließlich war er ein selbstständiger, unabhängiger Denker; er bediente sich „seines eigenen Verstandes“.


Zuletzt revidierte er aber seine Rassenvorstellung in seinem letzten Werk „Zum ewigen Frieden“ und äußerte sich des Weiteren kritisch gegenüber Sklaverei und Ausbeutung. Zugleich erscheint es falsch, ihn als einen Heiligen, den unfehlbaren und unantastbaren Immanuel Kant, darzustellen und seine rassistischen Äußerungen zu marginalisieren. Diese Äußerungen sollten bei der Auseinandersetzung mit seiner Person als Ambivalenz wahrgenommen werden. Ist es nun nicht einfach ein Akt der Aufklärung, auch ihn als Rassisten zu kennzeichnen? Nicht ganz. So scheint es entgegen der Aufklärung, unreflektierte Aussagen über ihn zu treffen, ohne sich bewusst zu sein, was genau er vertrat, dass er wesentliche Aussagen revidierte und in welchem Maße sein „Rassismus“ überhaupt als fremdenfeindlich im damaligen Kontext gelten kann. Die Differenz zur heutigen Zeit sollte deutlich werden. Es bedarf einer kritischen Auseinandersetzung mit Kants Werken, sodass durch das eigene Urteil nicht die Pauschalverurteilungen Dritter zur Maxime werden.


Revolution und Widerstand gegen Rassismus sind Bewusstseinsprozesse, welche nicht durch den Post eines schwarzen Bildes auf Instagram mit dem passenden Hashtag „blackouttuesday“ dokumentiert werden können. Nur weil viele der 16-25-Jährigen beginnen, "ihre Privilegien zu checken", sind sie keineswegs ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung und können nun behaupten, sie würden Schwarzen helfen, Rassismus zu bekämpfen und zu überwinden. Auch hier wirkt der Stereotyp eines passiven Opfers durch, das nur durch äußere Hilfe aus der Misere kommt und nicht eigenverantwortlich ist.


Fortschritte im Kampf gegen Rassismus

Neben der Verharmlosung von Rassismus ist umgekehrt auch die Missachtung der Fortschritte im Kampf gegen ihn ein Problem: Es muss berücksichtigt werden, dass es seit der Abschaffung der Apartheid in den USA auch große Fortschritt gegeben hat. Die "Little Rock Nine" mussten beispielsweise 1957 von der Nationalgarde begleitet werden, damit der Mob der Gegendemonstranten mit Schildern wie „Race-mixing is communism“ oder „Stop the race mixing march of the antichrist“ ihnen keinen physischen Schaden zufügen konnten. Heute entwickeln sich Gesellschaften so, dass sie sich mit den Opfern von Rassismus solidarisieren, Mitgefühl zeigen. Feindliche Äußerungen gegenüber "People of Color" oder befürwortende Äußerungen zum Thema Sklaverei werden gesellschaftlich geächtet, wir sind sogar soweit, dass weiße Mitglieder der Gesellschaft auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Hieran lässt sich erkennen, dass durch das Hervortreten der Erniedrigten, durch deren Stimmen, die immer lauter wurden, wirklicher Fortschritt erzielt wurde. "Die Weißen" sind immer noch zu oft zwar ein Teil des Problems, aber nicht der Grund allen Übels in der Welt.


Doch die Wellen, die durch den Mord an Floyd bis nach Deutschland durchdrangen, spülten anscheinend auch die antisemitischen und fremdenfeindlichen Probleme, welche wir in Deutschland besitzen, aus den Köpfen. Leichter erscheint es süffisant mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und „White silence is violence“ für eine Woche zu posten, anstatt, salopp gesagt, auf seinen eigenen Teller zu schauen. Zuletzt wurde oft berechtigt die in einigen Fällen desaströse Polizeiarbeit und das nichtswürdige Verhalten von Polizisten negativ herauszustellt, jedoch muss sichergestellt werden, dass dadurch nicht die Institution Polizei als solche diabolisiert wird. Das bedeutet auch, dass Straftaten im Dienst nach geeignetem Strafmaß verurteilt werden und Beamten, welche offensichtlich straffällig im Dienst waren, keine Immunität zugesprochen wird.


Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass, zum einen, politische Bilderstürmerei zwar als ein äußerst rabiater Akt erscheinen mag, bei näherer Auseinandersetzung in bestimmten Fällen jedoch gerechtfertigt scheint. Beinahe pietätlos erscheint es, denjenigen ein Denkmal zu widmen, die systematisches Sterben als ein Nebenprodukt der Sklaverei sahen und Menschen mit dunklerer Hautfarbe einen niedrigeren Wert zuschrieben und ihnen das Recht zu leben absprachen. Doch in diesem Zuge muss weiter differenziert werden, denn die rassistischen Äußerungen Kants sind nicht gleichzusetzen mit denen, die die Kolonialherren äußerten. Zwar sollte man auch nicht Kant ohne eine kritische Auseinandersetzung lesen, seine Worte in den Kontext der Zeit einordnen und beachten, dass er diese später sogar zurückzog und somit stets einem Reflexionsprozess unterlag, welchen auch der Leser durchlaufen sollte, doch ist er nicht gleichzusetzen mit dem Rassismus, den andere hervorbrachten.

Rassismus ist ein Phänomen, das in allen Kulturen und Ländern vorkommt

Nichtsdestotrotz ist zu hoffen, dass durch solche öffentlichen Diskurse die weiß geprägte Erinnerungskultur inklusiver wird und auch all jenen gedenkt, die eine viel zu lange Zeit unter Sklaverei litten und noch heute Rassismus ausgesetzt sind. Zum anderen, darf dies nicht dazu führen, dass eine Simplifizierung zwischen Gut und Böse und ein Opfer-Täter-Narrativ stattfindet. Hierbei wird nämlich ausgeklammert, dass es in allen Bevölkerungsgruppen, Ländern und Kulturen immer Rassismus gegeben hat und dies nicht ein exklusives Phänomen eines bestimmten Landes ist.


Berechtigte Kritikpunkte an der gesellschaftlichen Situation wird mittlerweile von einem „Fortschrittspessmismus“ überdeckt. Ziel der Debatte sollte es sein, nachhaltig Rassismus zu bekämpfen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Es ist eine Gratwanderung, ein Reflektieren und Differenzieren statt das Schnüren polarisierender Vorurteile von kriminellen Schwarzen und rassistischen Weißen. Beide Seiten müssen sich fragen: „Bin ich Teil des Problems?“ Und wenn ja, was kann ich dagegen tun? Man darf Rassismus nicht tolerieren und gezielt rassistische Straftaten, egal von welcher Instanz ausgeführt, nicht kleinreden. Eine Revolution findet nicht auf Instagram, Twitter oder Facebook statt, es reicht nicht mehr sich mit Opfern durch einen „like“ oder „repost“ zu solidarisieren. Die Revolution findet im echten Leben statt, auf der Straße und schlussendlich auch in den Köpfen der Menschen. Um unter Diskriminierung leidende Menschen zu verstehen, sollte man mit ihnen im Diskurs stehen und nicht über ihre Köpfe hinweg ihr Leiden bestimmen.

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