"Bei der Klimadebatte geht es immer weniger ums Klima"

Aktualisiert: 13. Dez 2021

Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski im Gespräch über die mediale Klimadebatte mit Jahrgang 11.


Am Montag, dem 22.11.2021 wurde der Wissenschaftsjournalist, Axel Bojanowski, per Videokonferenz in alle drei Klassenräume des 11. Jahrgangs zugeschaltet. Er wurde im Rahmen des Vernetzten Unterrichts zum Thema „School for future-Klimaretten in Oldenburg?“ zum Dialog mit dem 11. Jahrgang über den Klimawandel und die Handhabung des Themas in den Medien eingeladen.


(Quelle: B&S/dpa, Martin Lengemann, WELT)


Doch warum genau Axel Bojanowski? Bereits während seines Studiums befasste er sich mit dem Klimawandel und ab 1997 arbeitete er freiberuflich als Journalist und schrieb über das Thema. Stationen waren unter anderem die ZEIT, NATURE GEOSCIENCE, GEO, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, STERN und SPIEGEL – bis er schließlich zur WELT wechselte.


Axel Bojanowski befasst sich also schon lange Zeit mit dem Thema Klimawandel, wodurch einige seiner Artikel auch in der Unterrichtsvorbereitung des Vernetzten Unterrichts genutzt wurden. Grundlage bildete der Essay „Journalisten im Klimakrieg“ (Link zum Text) aus der Ausgabe „Klimadiskurse“ der Fachzeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (Bundeszentrale für politische Bildung). In diesem Essay stellt Bojanowski dar, wie die Klimadebatte politisiert und Fakten je nach ideologischer Gesinnung herausgegriffen oder ignoriert würden – zwischen „Klimaleugnern („Risiken-Verschweiger“) auf der einen und „Klimaapokalytikern“ („Unsicherheiten-Verschweiger“) auf der anderen Seite.


Er stellt dabei die beiden politischen Lager gegenüber, die sich gebildet haben: Das eher linkspolitisch dominierte „Aktivistenlager“, welches einer eher alarmistische Haltung habe und das eher rechtspolitisch angelehnte „Leugnerlager“. Er kritisiert beide, da er die Debatte als eine Wissenschaftsdebatte sehe, die durch den politischen Einfluss die Wissenschaft z.T. diskreditiere, der Wissenschaftsjournalismus entwickle sich zu einer Art Aktivistenjournalismus: „Bei der Klimadebatte gehe es immer weniger ums Klima“, wie Bojanowski während des Vortrags sagte, „es gibt eine Art Stellvertreterkonflikt bei dem alle Seiten probieren, ihre Interessen und Überzeugungen durchzusetzen.


Dadurch werde das Thema emotional aufgeladen, was eine sachliche, differenzierte Sicht auf das komplexe Thema und Lösungswege eher verhindere. Die Polarisierung sei eine große Gefahr, sie drohe, die Gesellschaft zu spalten, wobei das Thema doch so wichtig sei. Eine der zentralen Fragen hinter dem Thema sei nämlich „Wie wollen wir leben?“. Das Klimathema sei durch viele weitere Aspekte geprägt, viele verschiedene Konflikte liefen hier zusammen. So gebe es einen eklatanten Zielkonflikt zwischen drastischer CO2-Reduktion und Armutsbekämpfung, da diese eben (leider) noch primär über die fossilen Energien möglich sei.


Bojanwoski erkennt den menschengemachten Klimawandel an, warnt jedoch davor, die Unsicherheiten der Klimaforschung zu missachten und den Weltuntergang an die Wand zu malen. Dies sei etwas, was man oft in den Medien beobachten könne, was oft zu einseitiger Berichterstattung führe. „Einseitigkeit führt zu Skepsis“, sagt Bojanowski während des Vortrags, wichtig sei in dieser Situation eine differenzierte Berichterstattung, die die Gefahren des menschengemachten Klimawandels weder leugne noch zu alarmistisch und apokalyptisch sei.


Als Beispiel nimmt er Naturkatastrophen wie die Ahrtal-Fluten, die als untrügliches Zeichen des Klimawandel gedeutet würden. Wie Bojanowski jedoch schreibt, gebe es zwar einen Zusammenhang – pro Grad Erwärmung könne Luft rund sieben Prozent mehr Luftfeuchtigkeit halten, was Starkregenereignisse wahrscheinlicher mache – es werde in der medialen Debatte aber zu einseitig und nur der Einfluss des Klimawandels dargestellt, während andere, wichtige Faktoren wie Katastrophenschutz ausgeklammert würden. Dieser hätte in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass immer weniger Menschen weltweit Opfer von Naturkatastrophen würden.

Die Berichterstattung ist auch Thema seines Artikels „Der unappetitliche Klima-Bluff“, welcher in der „Welt“ erschien. Dabei geht es nicht darum, den Klimawandel als "Bluff" zu bezeichnen, sondern darum, dass einige Politiker diesen als Ausrede für vernachlässigten Katastrophenschutz und versagende Frühwarnsysteme benutzen würden. Beispielhaft für eine verzerrte Berichterstattung führt Bojanowski außerdem an, dass oft behauptet werde, der Klimawandel habe Einfluss auf den Jetstream, welcher wiederum die Häufigkeit und Intensität vieler Naturkatastrophen verstärke. Auch Claus Klebers erwähnte im ZDF "heute journal" die Jetstream-Theorie, welche zahlreiche Menschen erreichte:

"Dass sie [Naturkatastrophen] häufiger werden, liegt daran, dass die Arktis und die Luft darüber immer wärmer werden und dem Jetstream - dem Antrieb des Wettergeschehens - die Kraft entziehen. Also liegt es am Klimawandel. Die Folgen sind spürbar, nicht irgendwann, irgendwo, sondern jetzt und hier."


Die Jetstream-Theorie sei laut Bojanwoski jedoch umstritten und kein wissenschaftlicher Konsens unter Klimawissenschaftlern - es gebe große Unsicherheiten. Dies ist nur ein Beispiel von Bojanowskis Kritik an dem Umgang mit Fakten in der medialen Debatte. Man würde oft nur die Stimmen herauspicken, die die eigene Meinung stützten und andere eher weglassen. Für solche und ähnliche Aussagen ist er bereits oft scharf von einigen Seiten und Medien, des Aktivistenmilieu, wie dem „Volksverpetzer“, kritisiert worden, die ihn in die „Leugnerecke“ schieben wollten, er konterte jedoch immer mit Fakten, welche seine Aussagen belegten.


Zusammenfassend gesagt ist Bojanowskis zentrale Kritik an der Klimadebatte, dass diese zu „aktivistisch“ geprägt sei. Nach dieser kurzen Vorstellung seinerseits, welche das oben geschriebene nochmal nahelegte, stellte sich Axel Bojanowski den Fragen der Schüler. Die wichtigsten davon waren:


Wie steht er zur Kernenergie als Lösungstechnologie gegen den Klimawandel?

Axel Bojanowski ist ein Befürworter der Kernenergie. Dadurch, dass die erneuerbaren Energiequellen nicht konstant Strom produzieren könnten, da nun mal nicht immer die Sonne scheine oder der Wind wehe, benötige man Energiespeicher, die es zurzeit nicht in ausreichender Form gebe. Daher müsse man immer ein „Energie-Backup“ haben. In Deutschland seien dies aufgrund des Ausstiegs aus der Kernenergie Kohle oder Erdgas. Dadurch, dass Deutschland die CO2-arme Kernenergie kategorisch ausschließe, habe es sich selber in eine schlechte Position gebracht. Laut Bojanowski sei die Kernenergie zu Unrecht diskreditiert worden. „Dies ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Debatte schieflaufen kann“, so Bojanowski abschließend zu der Frage.


Wo kann man heutzutage noch die „objektive Wahrheit“ finden?

Diese Frage beschäftige ihn seit langem und bisher sei er nicht in der Lage gewesen eine vernünftige Antwort darauf zu finden. „Der Wahrheit kann man sich nur annähern“, denn oft sei immer ein politischer Gedanke hinter verschiedenen Publikationen. Ein guter Weg sei es so unpolitische Quellen wie möglich zu verwenden. Als Faustregel nannte er Folgendes: "Umso schneller, selbstsicherer und eindringlicher Akteure bei sehr komplexen Themen wie dem Klimawandel ganz eindeutige Antworten geben oder einfache Lösungen versprechen, desto skeptischer wäre ich." Als wissenschaftlich verlässliche Quelle führte Bojanwoski den UNO-Klimabericht des IPCC an, der vor allem in seiner ganzen Länge die Bandbreite und Unsicherheiten der Klimawissenschaftler belege, wohingegen in der Öffentlichkeit oft nur die drastischsten Stimmen und Szenarien vorkämen.


Warum wird die Debatte immer einseitiger?

Das Problem sei, dass immer weniger in der Debatte zu Wort kommen. Die werde in Deutschland nämlich oft von „Media Scientists“ dominiert, welche jedoch eher die apokalyptische Vision verträten. Das liege zu einem daran, dass viele Leute nicht öffentlich sprechen wollen würden, da man sie dann immer am Wort fassen könne, falls sie sich falsch ausdrücken sollten. Zum anderen aber auch, weil es oft so sei, dass Leute mit einer anderen Meinung aus der Debatte rausgedrängt würden, da sie nicht ins Bild passen. Bojanowski warnte davor, aus berechtigter und wissenschaftlich fundierter Ablehnung von "Klimaleugnern" jegliche Skepsis und Kritik bezüglich alarmistischen Berichterstattung zu verurteilen. Ein Ausgangspunkt dieser Polarisierung liege jedoch auch in der systematischen und medial vorangetriebenen Klimaleugnung, die in den 90ern von großen Öl-Konzernen vorangetrieben wurde, die den Klimaaktivismus auf den Plan gerufen hätten.


Habe der oft negative Rückschlag auf seine Veröffentlichungen einen Einfluss auf ihn?

Man probiere manchmal, ihn in das "Klimaleugnerlager" zu stellen, was er sehr kritisch sehe, denn er berichte über die Wissenschaft und argumentiert anhand ihrer Ergebnisse. Zuletzt interviewte er übrigens Klaus Hasselmann, den aktuelen Nobelpreisträger für Physik und „Entdecker“ des menschlichen Fußabdrucks im Klimageschehen. Wer also probiere ihn zu diskreditieren, probiere auch dasselbe mit der Wissenschaft, welche weitgehend unpolitisch zu sein habe, zu machen. „Es ist schon schwierig“, fügte Bojanowski hinzu.


Hat er selber Angst vor dem Klimawandel?

„Nein, ich habe keine Angst“, hieß es von ihm. Weniger Menschen würden heutzutage an Wetterextremen sterben und Staaten seien mit mehr Wohlstand besser in der Lage, sich vor klimabedingten Naturkatstrophen zu schützen. Sorge bereite ihn eher die große Unsicherheit bei den zukünftigen Prognosen zum Klimawandel, weshalb definitiv etwas gegen den Klimawandel unternommen werden müsste – nur eben wohldurchdacht, überlegt und nicht „in Panik“.


Nach dieser letzten Frage endete, auch nach einem Applaus der Teilnehmenden, der Vortrag von Axel Bojanowski. Wir selbst können sagen, recht viel daraus mitgenommen zu haben. Seine Position ist in der Klimadebatte eine recht seltene, daher finden wir es auch sehr wichtig, dass man sie zur Kenntnis nimmt – auch wenn man nicht alles teilen muss. Eine vernünftige Debatte kann man nur führen, wenn man eine Vielzahl an Meinungen zulässt. Eine Gegenposition zu haben, die den Klimawandel nicht leugnet, aber eben nicht apokalyptisch ist, wäre gut, um eine weitere Polarisierung der Debatte zu verhindern. Ähnlich sehen es auch einige weitere Schüler des Jahrgangs. Oft war zu hören, dass man aufgrund der Handhabung der Klimafrage immer dieses apokalyptische Bild gehabt habe, durch den Vortrag sei man jedoch in der Lage etwas differenzierter auf die Debatte zu gucken.


Wir bedanken uns bei Herrn Bojanowski. Als nächstes: der Vortrag des renommierten Klimawissenschaftler Prof. Dr. Mojib Latif, der eher zu den Warnern gehört. Ihr dürft gespannt sein, was er zu dem Thema zu sagen hatte!

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